Bild eines schreienden Mädchens. Text: Reframing – wie ich Kinderkreischen etwas Positives abgewinne

Lautes Kinderspiel: Wie ich mit Reframing Kreischen etwas Positives abgewinne

Aus jeder Herausforderung machte Pipi Langstrumpf ein Spiel. Ein tolles Vorbild für Kinder und Eltern. Doch wenn meine Kinder am Ende eines langen Tages schreiend durch die Wohnung toben, ist es mit meiner langstrumpfigen Ruhe schnell vorbei. Ist halt nur eine Geschichte? Von wegen – im „Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt“ liegt eine große Weisheit und Fähigkeit. Reframing heißt die Technik, die Coaches und Therapeuten gerne einsetzen – und die Sie auch nutzen können.

Was ist Reframing?

Reframing bedeutet etwas umzudeuten oder um im englischen Sprachbild zu bleiben: einen neuen Rahmen zu schaffen. Oft reicht ein einzelnes Wort, um eine Aussage zu verändern. Aus einem „Ich kann das nicht“ spricht Hoffnungslosigkeit. Ergänzt um das Wort „noch“ wird daraus „ich kann das noch nicht“ und gleich ist die Hoffnung da, es doch irgendwann zu können.

Schreien und Toben: Wenn sich bei Eltern der Frust aufbaut

Nach dem Abendbrot sitzen meine Frau und ich am Tisch und unterhalten uns. Die Kinder spielen. Eigentlich sollten sie Zähneputzen. Und eigentlich sollten sie sich umziehen und eigentlich schon im Bett liegen. Stattdessen spielen sie – oder streiten sie? Auf jeden Fall kreischen und brüllen beide wie am Spieß! Unterm Strich: Ziemlich viel Krach. Zu viel. Ich versteh mein eigenes Wort nicht mehr. Ich werde wütend und denke: „Meine Güte, sind die anstrengend, können die nicht mal Rücksicht nehmen?“

Schreien: Rücksichtslos oder selbstbewusst?

Wenn ich meine Kinder als anstrengend und rücksichtslos sehe, beschreibe ich meine Kinder als defizitär. Ich spüre, dass ihnen etwas fehlt – in dem Fall: Rücksicht. Ich kann das laute Schreien beim Spiel aber auch völlig anders sehen. Sage ich mir: „Wow, wie viel Energie die noch am Ende eines Tages haben!“ schwingt in dem Satz schon Bewunderung mit. Oder wenn ich denke, dass das laute Spielen ja auf ein großes Selbstbewusstsein hinweisen könnte, werde ich vielleicht sogar stolz auf mein Kinder. Ich vertraue ihnen, dass sie auch in Zukunft ihre Interessen kraftvoll durchsetzen können.

Reframing und alles wird gut?

Beim Reframing ändert sich erst einmal nur meine Sichtweise und Bewertung der Situation. Denn nur dadurch, dass ich plötzlich stolz auf meine schreienden Kinder bin, hören die ja nicht auf zu schreien – oder?

Tatsächlich bewirkt mein Perspektivwechsel etwas: Ich gehe nämlich ganz anders auf meine Kinder zu. Es macht – meiner Erfahrung nach – einen himmelweiten Unterschied, ob ich ruhig und stolz mein kreischendes Kind einfange und zu Bett bringe oder ob ich dabei unter Strom stehe. Wie gesagt: Es kann gut sein, dass das Kind noch eine Weile weiterschreit – nur mir fällt es viel leichter, damit umzugehen. Es soll aber auch schon vorgekommen sein, dass das Kind sich schneller beruhigt hat.

Woher kommt Reframing?

Reframing ist eine Technik aus der systemischen Arbeit. In Coaching und in Therapie ist es ein Mittel, um einen Perspektivwechsel einzuleiten. Die gleiche Situation wird plötzlich aus einem anderen Blickwinkel betrachtet und bewertet: So wird aus dem Quasselkasper ein Kind, dass sich gern und umfangreich mitteilt.

Eine Grundlage des Reframing ist der Konstruktivismus. Paul Watzlawick, einer der Väter des Konstruktivismus in der Therapie, meinte, dass jeder sich seine eigene Wirklichkeit konstruiert. „Aber es ist doch eine Tatsache, dass …“ mag der ein oder andere einwenden und sagen, dass die Wirklichkeit für alle gleich ist. Watzlawick unterschied daher zwischen zwei verschiedenen Wirklichkeiten:

Verschiedene Wirklichkeiten

Wirklichkeiten erster Ordnung sind Wirklichkeiten, die objektiv messbar sind. Also zum Beispiel wie schwer meine Tochter ist. Oder wie lange mein Sohn am Stück geredet hat. Trefflich darüber streiten lässt sich aber, ob es mir zu anstrengend ist meine Tochter in die Luft zu werfen, oder ob mein Sohn zu lange gesprochen. Das alles sind meine persönlichen Erfahrungen und Bewertungen. Oder um mit Watzlawick zu sprechen: Es sind Wirklichkeiten zweiter Ordnung, denn wir erfahren sie subjektiv.

Ein großer Teil unserer Probleme und Herausforderungen liegen im zwischenmenschlichen Bereich und sind damit Wirklichkeiten zweiter Ordnung. Zum Glück: Denn diese sind veränderbar über unsere Wahrnehmung, Einstellung und Kommunikation. Und genau hier setzt Reframing an!

Um das Beispiel vom Anfang wieder aufzugreifen: Die Zeit nach dem Abendbrot erlebten meine Kinder und ich völlig anders! Während ich genervt das Kreischen und Brüllen als rücksichtslos bewertete, erlebten meine Kinder in ihrer Wirklichkeit ein spannendes Abenteuer. In dem war meine Tochter eine edle Prinzessin, die kreischend vor einem brüllenden Schneeungeheuer floh – letzteres äußerst überzeugend dargestellt von meinem Sohn.

Nicht zu vergessen: Meine Frau war ja auch anwesend an diesem Abend und sah, ganz die erfahrene Sozialpädagogin, wieder etwas anderes: einen 10-Jährigen, der kompetent und kreativ mit seiner fünf Jahre jüngeren Schwester spielte, und eine 5-Jährige, die sich der komplexen Erzählstruktur und der Führung des Älteren anvertraute. Wie unterschiedlich wir doch ein und die selbe Situation erlebten!

Voraussetzungen für Reframing

Reframing setzt voraus, dass ich dem anderen eine positive Absicht unterstelle. Ich betrachte ihn liebevoll. Ich nehme an, dass jedes Verhalten:

  1. zielgerichtet ist,
  2. eine positive Absicht hat und
  3. zielführend in mindestens einem Zusammenhang ist.

Oder anders ausgedrückt: Jedes Verhalten ist oder war zumindest zu einem bestimmten Zeitpunkt und in einer bestimmten Situation für etwas gut. Das beinhaltet natürlich auch, dass ein Verhalten zu einem andern Zeitpunkt und in einer anderen Situation eher hinderlich als förderlich ist. Denn wenn ich das laute Spiel meiner Kinder jetzt positiv sehe, so heißt das doch nicht, dass ich darauf verzichte, weiterhin mit ihnen auch Ruhe und Zuhören zu üben.

Fotos eines unordentlichen Kinderzimmers. Text: Kinder sind Experten für Abenteuer

Wenn ich Reframing einsetze, heißt das nicht, jede unangenehme Situation umzudeuten und jedem Konflikt aus dem Weg zu gehen. Eltern sollten meines Erachtens das Heft in der Hand behalten – mehr zur elterlichen Präsenz demnächst in einem weiteren Blogpost.

Wie geht Reframing konkret?

Der erste Schritt ist, dass ich, wie oben beschrieben, im Verhalten (des anderen oder bei mir) eine positive Absicht annehme. Ich verändere also meine innere Haltung. Der zweite Schritt ist dann ganz konkret mich zu fragen: Wofür ist das gut?

Wofür ist das gut?

„Klar, toben und spielen ist natürlich für was gut – für körperliche und geistig Entwicklung oder so“, sagt jetzt der aufgeklärte Vater, bevor er fortfährt: „Aber manche Angewohnheiten sind einfach nur lästig. Dafür finde ich beim besten Willen keine positive Erklärung.“ Meine Antwort: Ist auch gar nicht notwendig. Es ist zumindest nicht notwendig eine Erklärung zu finden, die erklärt, wie und wieso es dazu gekommen ist. Beim Reframing dürfen Sie fantasieren, was das Zeug hält. Es gilt vielmehr eine neue, hilfreiche Beschreibung zu erfinden. Und ja, die darf sogar lustig sein.

Lachen erlaubt

Apropos lustig: Witze sind oft nichts anderes als ein Reframing. Als Beispiel ein Klassiker: Ein Tourist quält sich in den Alpen den Berg hinauf. Als er einen Einheimischen trifft, sagt dieser: „Grüß Gott.“ Darauf der erschöpfte Wanderer: „Oh nein, soweit steig ich nicht mehr hoch.“

Das Reframing ist verständlich: Der Tourist deutet das „Grüß Gott“ nicht als den gebräuchlichen Gruß, sondern nimmt es wortwörtlich.

Grenzen von Reframing

Es gibt auch Grenzen fürs Reframing. Dabei ist das nicht so sehr die Frage ob bestimmte Themen wie Trauer nicht fürs Reframing geeignet sind, sondern eher nach dem Wie und Wann. Ein Beispiel: Die erste Freundin hat sich vom Sohn getrennt und dieser versinkt im Liebeskummer. Wie schnell sind manche Erwachsene dabei zu vertrösten oder abzuwiegen, in der vermeintlich guten Absicht dem Kind Schmerz und Trauer zu ersparen.

Doch „Das wird schon wieder“ oder „andere Mütter haben auch schöne Töchter“ wirkt gerade zu Beginn eher verletzend. Der Trauernde – und Liebeskummer ist eine Art des Trauerns – fühlt sich schlichtweg weder gesehen noch in seiner Trauer angenommen. Trauern ist ein Prozess und der lässt sich nicht abkürzen. In einem frühen Stadium des Trauerns ist vor allem ein liebevolles und verständnisvolles Annehmen hilfreich.

Das Timing zählt

Mit Abstand kann der Trauernde dann zu einer Erkenntnis kommen und das Erlebte neu deuten – ein verbreitetes Reframing lautet ja: „Wie gut, dass das mit uns nicht geklappt hat, sonst wäre ich mit meiner neuen Freundin nicht zusammen.“ Das heißt: Fürs Reframing ist der Zeitpunkt entscheidend.

Reframing heißt: Sinn geben

Zusammengefasst bedeutet Reframing also den Dingen einen Sinn zu geben – und zwar einen positiven Sinn. Der Sinn muss dabei nicht im logischen Sinne Sinn machen. Es darf auch kreativ, verdreht und humorvoll sein. Ja, ich bin überzeugt: Je witziger, desto hilfreicher.

Und jetzt Sie!

Probieren Sie es aus! Wichtig beim Reframing ist wie bei allen Methoden: Schauen Sie, wie es Ihnen damit geht! Hilft es? Oder wirkt es eher aufgesetzt? Wenn Sie sich unwohl fühlen, dann versuchen Sie lieber etwas anders! Es soll helfen und Ihnen eine neue Möglichkeit geben, Herausforderungen leichter zu bewältigen.

Foto: inkje / photocase.de; Christopher End

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