Gastbeitrag: Wie Familienkonferenzen helfen, dass unsere Kinder kooperieren!

Zeichnung einer Familie. Text: Familienkonferenz

Gastbeitrag von Annamaria Fisler

Die Familienkonferenz, auch Familienrat genannt, ist eine Möglichkeit, die Kooperationsbereitschaft in der Familie zu fördern. Sie hilft der Familie, über Gefühle zu sprechen, diese mitzuteilen, sich als Team zu fühlen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen und sich gemeinsam auf den Lösungsweg zu begeben. Familienkonferenzen sind für alle Arten von Familien geeignet.

Vielleicht fragen Sie sich, ob eine Familienkonferenz helfen kann, unsere Kinder zur Kooperation zu bringen? Ich kann Sie nur dazu ermutigen, sich auf dieses Experiment einzulassen und sich gemeinsam mit Ihren Kindern auf diesen Weg zu begeben. Sie werden erstaunt sein, wie kooperationsfähig Ihre Kinder sein können.

Die Wirkung einer Familienkonferenz

Die Familienkonferenz bietet einen Rahmen, in dem die Kinder (an-)gehört werden.

Die Familienkonferenz …

  • … gibt jedem die Möglichkeit, über Gefühle zu sprechen und mitzuteilen
  • … gibt der Familie die Möglichkeit, sich als ein Team zu fühlen
  • … fördert den Gemeinschaftssinn, alle unterstützen sich gegenseitig
  • … vermittelt Kindern Respekt
  • … hilft Lösungswege gemeinsam zu finden
  • … bietet Kindern Gelegenheit, sich gehört und geliebt zu fühlen
  • … hilft Eltern, welche schreien oder gar schlagen, damit aufzuhören
  • … gibt der Familie die Möglichkeit, miteinander Spaß zu haben.

Zeichnung einer Familie um einen Tisch mit Fragezeichen

Der Wegweiser für Familienkonferenzen

Wie vieles andere braucht auch die Familienkonferenz Zeit und Geduld, damit sie zu einem Ritual, zu einer Gewohnheit wird. Das heißt, dass wir als Eltern uns Mühe geben müssen, wenn wir wollen, dass sich einerseits etwas verändert und andererseits, dass unsere Kinder kooperieren.

Immer zur gleichen Zeit

Eine Familienkonferenz sollte regelmässig abgehalten werden, idealerweise einmal wöchentlich, immer zur gleichen Zeit und zum gleichen Wochentag. Sie dauert zwischen 20 und 30 Minuten.

„Wir müssen dem Kind dabei helfen, selbst zu handeln, selbst zu wollen, selbst zu denken.“

Dr. Maria Montessori

Auf das Alter der Kinder sollten Sie unbedingt Rücksicht nehmen. Mit Kleinkindern dauert die Konferenz eher kurz und vielleicht genügt es auch alle zwei Wochen, mit Teenagern kann man bis zu 60 Minuten einplanen, hier sind wöchentliche Treffen sicherlich von Vorteil.

Liste/Plakat/Agenda der anfallenden Themen

Wir machen eine Themenliste. Vielleicht ist eines Ihrer Kinder besonders kreativ und möchte diese Aufgabe übernehmen, oder Sie gestalten gemeinsam mit der ganzen Familie die Themenliste.

Wir hängen die Themenliste an einen sichtbaren Ort auf, so können alle Familienmitglieder während der Tage vor der Konferenz Besprechungspunkte hinzufügen. Somit wissen wir auch, was anderen Familienmitgliedern auf dem Herzen liegt. In dieser Phase der Entstehung kommentieren wir die Punkte der anderen nicht!

Die Themen könnten aber auch gemeinsam mit der ganzen Familie während des Abendessens besprochen und festgehalten werden. Ein Familienmitglied übernimmt das Notieren.

Hier ein paar mögliche Themen für die Familienkonferenz:

  • Hausaufgaben
  • Taschengeld
  • Mithilfe im Haushalt
  • Pflege der Haustiere
  • Hausregeln
  • Regeln wenn Freunde zu Besuch sind
  • TV, Computer, Handy

Zeitplanung

Anfangs müssen wir als Eltern die Zeitplanung übernehmen und einführen. Wir schauen uns die Themenliste an und entscheiden, mit welchen Themen wir uns in den ersten Familienkonferenzen beschäftigen können. Um Alternativmöglichkeiten zu erforschen und Entscheidungen treffen zu können, planen wir genug Zeit ein. Meine Erfahrung hat gezeigt, dass es gerade bei der Einführung der Familienkonferenz sinnvoll ist, mit positiven Themen zu beginnen.

Positive Themen einer Familienkonferenz können sein:

  • über gute und schöne Erfahrungen sprechen
  • sich bei einem Familienmitglied bedanken, das in der Woche geholfen hat

Wir geben allen die Möglichkeit, über etwas zu berichten, was gut für sie läuft.

Denken Sie daran, dass die Familienkonferenz für Ihre Kinder etwas Neues ist, sie wissen nicht was auf sie zukommt. Mit positiven Themen zu beginnen, erleichtert Ihnen und der ganzen Familie den Einstieg. So schaffen Sie eine gute Atmosphäre. Das ist eine solide Grundlage, um später auch mal schwierigere Themen zu besprechen.

Zeichnung einer Familie um einen Tisch mit Ausrufezeichen

Abwechselnd Aufgaben erfüllen

Wenn sich das Ritual „Familienkonferenz/Familienrat“ eingespielt hat, sollen die Aufgaben abwechselnd übernommen werden. Die Konferenz wird von einem Familienmitglied geleitet. Dieses liest die Themenliste und achtet darauf, dass nicht von den Themen abgewichen wird. Jedes Familienmitglied sollte die Chance bekommen, einmal die Konferenz zu leiten. Jüngere Kinder werden dafür etwas Hilfe benötigen – das ist völlig in Ordnung. Übrigens: ältere Geschwister übernehmen diese Rolle gerne.

Notizen

Die getroffenen Vereinbarungen werden von einem anderen Familienmitglied schriftlich festgehalten. Auf diese Weise wird niemand etwas vergessen oder sich über etwas im Unklaren sein. Auch dies ist eine Aufgabe, die immer wieder jemand anderes übernehmen sollte. Auch hier können die älteren Geschwister den jüngeren helfen, zum Beispiel indem sie die Notizen vorlesen, wenn die jüngeren Kinder noch nicht lesen können. Jüngere Kinder können die Vereinbarung auch anhand einer Zeichnung festhalten.

Haltung und Regeln bei der Familienkonferenz

Wir lassen jeden zu Wort kommen

Wir lassen zuerst unsere Kinder zu Wort kommen, wenn wir die Themenliste besprechen. Das hilft Kindern, sich verantwortlich zu fühlen. Wenn Sie merken, dass eines Ihrer Kinder nicht zu Wort gekommen ist oder sich nicht traut, fragen wir nach: „Und was meinst du?“

Sind wir der Meinung, dass ein Kind zu viel redet, bleiben wir respektvoll und sagen etwas wie: „Das scheint für dich sehr wichtig zu sein. Wir müssen jetzt aber auch hören, was die anderen darüber denken.“

„Die Familienkonferenz bietet Kindern Gelegenheit, sich gehört und geliebt zu fühlen.“

Annamaria Fisler

Wenn jemand keinen Respekt zeigt, benutzen wir ICH-Aussagen und keine DU-Aussagen, da Du-Aussagen wie Beschuldigungen wirken. Zum Beispiel würde ich sagen: „Wenn ich Beschimpfungen höre, fürchte ich, dass wir keinen gemeinsamen Weg finden werden, um zusammenzuarbeiten.“

Das Maß der Klagen begrenzen

Wir begrenzen das Ausmaß der vorgebrachten Klagen, da diese die Familienkonferenz in eine unerfreuliche Angelegenheit verwandeln. Durch Klagen werden keine Probleme gelöst und der Familie wird nicht geholfen. Das Ziel, miteinander Spass zu haben sollte an erster Stelle stehen. Wenn Klagen ein Problem sind, fragen wir: „Was können wir daran ändern?“, „Wie könnten wir das Problem lösen?“ oder „Hat jemand eine Idee?“ Wir helfen so unseren Kindern aus dem Problemfokus einen Lösungsfokus zu entwickeln.

Wir Eltern kooperieren und gehen mit gutem Vorbild voran

Wir alle wissen, dass bestimmte häusliche Arbeiten nicht gerne erledigt werden. Als Eltern zeigen wir uns daher kooperativ und können uns bei den Aufgaben, die niemand gerne macht, freiwillig melden. Wir könnten sagen: „Ich übernehme das Staubsaugen und das Sauber machen des Badezimmers. Wer übernimmt es, das Altpapier und Glas zu entsorgen?“ Mit der Zeit werden Sie die Erfahrung machen, dass auch die anderen Familienmitglieder einige der unbeliebten Aufgaben übernehmen.

Wir halten uns an die getroffenen Vereinbarungen

Alle Familienmitglieder halten sich bis zur nächsten Konferenz an die Vereinbarungen. Möchte ein Familienmitglied eine Vereinbarung ändern, wird dies nicht geduldet und muss bis zur nächsten Sitzung warten. Es kann auch vorkommen, dass man eine Vereinbarung nicht einhalten kann, weil zum Beispiel an einem Tag die Zeit dafür fehlt. Das könnte übrigens auch einem Kind passieren. Wichtig ist hier, dass man dies der Familie kommuniziert und mitteilt, dass man darum bemüht ist, es besser zu machen. Niemand ist perfekt!

Viel Glück, bei der Umsetzung und erlebnisreiche Stunden wünsche ich Ihnen und Ihrer Familie von Herzen!

 

Foto Annamaria FislerAnnamaria Fisler
Die Schweizer Dipl. Erziehungsberaterin/Elterncoach und Dipl. Montessori-Pädagogin steht Eltern zur Seite, welche verunsichert, entmutigt, verzweifelt, müde oder gar genervt sind.

Probleme beim Schulanfang: Neue Anforderungen und Freunde

Bild: Kind mit Schulranzen Text: Was Kinder zum Schulstart brauchen
Irgendwann ist die Kindergartenzeit vorbei und aus dem Kind wird ein Schulkind. Vorfreude und Aufregung begleiten die Zeit bis zur Einschulung. Doch der Schulbeginn kann Enttäuschungen und Herausforderungen bereithalten: Es gilt sich zu recht und neue Freunde zu finden.

Eben war ich noch der Größte im Kindergarten, ein Vorschulkind, und nun bin ich in der Schule der Kleinste, nur noch ein Erstklässler. Nicht jeder überwindet diesen abrupten Rollenwechsel gut. Dazu kommt, dass sich in der Regel ein Großteil des sozialen Netzes des Kindes verändert, wenn nicht sogar wegbricht.

Wenn sich mal eben alles ändert

Klar, Sie als Eltern, die Nachbarn und Verwandten bleiben erhalten. Aber für das Kind ist es einschneidend, wenn es aus einer Gruppe kommt, die es seit Jahren kennt, in eine neue, in der es eventuell keinen kennt. Manche Kinder stecken das erstaunlich gut weg und schließen schnell neue Kontakte und Freundschaften. Andere tun sich damit wesentlich schwerer.

Nicht nur der Freundeskreis ändert sich von einem Moment auf den anderen. Auch die erwachsenen Bezugspersonen sind neu. Dazu kommt dass der Betreuungsschlüssel in den meisten Grundschulen schlechter ist als der im Kindergarten. Klar sind die Kinder älter und klar unterscheidet sich Schule meist sehr von Kindergartenalltag – aber die Kinder spüren deutlich, ob sie zwei Ansprechpartner für 18 Kinder oder einen Ansprechpartner für 25 Kinder haben.

Eigentlich ändert sich alles: Der Tagesablauf ändert sich von der Struktur, aber auch von den Freiheiten. An Regelschulen herrscht häufig noch ein sehr strikter Stundenplan. Wenn Kinder hier an ihre Grenzen stoßen, fehlt ihnen einfach die Möglichkeit den Raum oder die Tätigkeit zu wechseln. Natürlich kennen und sehen viele Lehrerinnen und Lehrer die Bedürfnisse der Erstklässler genau und gehen sensibel auf sie ein. Dennoch ist auch das für viele Kinder eine Umstellung und Herausforderung.

Vom spielerischen zum schulischen Lernen

Vor allem die Art der Anforderung ist für manches Kind neu. Der Bruch zwischen spielerischem Lernen im Kindergarten und schulischem Lernen kann groß sein. Ich sage kann, weil in Grundschulen um diesen Übergang gewusst ist und an vielen Schulen auch ganz anders gelernt und gelebt wird – als zu meiner Schulzeit 🙂

Eine der größten Herausforderungen ist und bleibt meines Erachtens aber das soziale Lernen: Also das Kennenlernen, sich Anfreunden und seinen Platz in der neuen Gruppe zu finden.

Trauer über den Verlust des Alten

Unser Kind brach plötzlich in Tränen aus, als eine ihrer besten Freundinnen aus dem Kindergarten zu Besuch war und wieder ging. Fast eine Viertelstunde später weinte das Kind ununterbrochen. Es war einfach die Trauer darüber, was gewesen war – so unsere Vermutung.

Bild von Schultischen. Text: Schule. Alles neu

Was ein Kind jetzt braucht

Kinder brauchen in Phasen des Umbruches vor allem die Unterstützung und das Verständnis der Eltern. Zu wissen wie es dem Kind geht und wieso, hilft schon oft auf Elternseite mehr Verständnis aufzubringen.

Emotionale Unterstützung

Das wichtigste ist die emotionale Unterstützung: Also der Halt in Form von Zuneigung und Nähe. Nicht selten beginnen Kinder im Phasen des Umbruches mehr oder schneller zu weinen oder zu schreien.

Praktische Unterstützung

Häufig brauchen Kinder auch praktische Hilfe: Zum einen geht es darum sich tagtäglich auf die Schule vorzubereiten: Also Schulsachen packen, an Essen und Sportbeutel denken – das alles ist sehr viel am Anfang. Und Schule und Unterricht wollen auch nachbereitet werden. Vor allem falls es bei Ihnen noch Hausaufgaben gibt. Auch beim sozialen Lernen brauchen Grundschulkinder in der Regel anfangs noch die Unterstützung ihrer Eltern. Wie das geht? Laden Sie die neuen Schulkameraden ein oder verabreden Sie Ihr Kind – und denken Sie auch daran die alten Freundschaften aus dem Kindergarten zu pflegen.

Kinder sind Entdecker

Der Schulstart ist viel für Kinder – und gleichzeitig sind Kinder Meister darin, mit neuen Situationen umzugehen. Wenn sie wissen, dass sie gut gebunden sind, also einen sicheren Hafen namens Eltern haben, die Ihnen bei ihren Schritten in ein neues Land liebevoll begleiten.

Seminar-Ankündigung: Meditation für Eltern mit Kindern

Bild eines Kindes im halben Lotus. Text: Meditation für Groß und Klein

Am 13. September findet in Köln das Seminar „Der kleine Samurai findet seine Mitte“ statt. Die Nachmittagsveranstaltung ist ein Angebot für Eltern mit ihren Kindern! Das Ziel: Gemeinsam einen spielerischen Zugang zu Meditation zu finden. 

Schon Kinder leiden unter Stress. Viele Termine, Anforderungen und vor allem gehetzte oder gestresste Eltern. Um in dieser schnellen hektischen Welt zu überleben, brauchen wir die Fähigkeit ruhig zu werden. So wie das Inneren eines Wirbelsturms ruhig bleibt, während sich um es herum alles wirbelt.

Meditation ist innehalten

Meditation ist die Kunst innezuhalten und zu schauen, was gerade ist. Auf sich zu hören. Dem Körper nachzuspüren, den Gefühlen zuzuschauen und den Gedanken zuzuhören – ohne dass ich dem Ganzen ausgeliefert bin.

Meditation ist im Moment sein

Meditation hilft uns im Moment zu bleiben, statt uns von Sorgen oder Tagträumen mitreißen zu lassen. Kinder sind oft im Moment. Ihnen ist das Gefühl sehr vertraut ganz im Jetzt aufzugehen.

Meditation ist beobachten

Meditation ist auch die Fähigkeit einen Schritt zurückzutreten. Das was gerade passiert zu beobachten. Diese Fähigkeit ist uns Erwachsenen vertraut.

Eltern und Kinder lernen mit und voneinander

In der Meditation können Eltern und Kinder lernen bewusst im Moment zu sein und zu beobachten. Wir lernen beide von einander.

Daher lädt das Seminar Eltern ein gemeinsam mit ihren Kindern Meditation (neu) zu entdecken.

Meditationen für Kinder: Bewegt und spielerisch

Die Meditationen in dieser Seminarreihe richten sich besonders an Kinder. Sie sind zum einen bewegt. Kinder drücken sich in der Bewegung aus. Deswegen kommen wir in diesem Seminar von der Bewegung zur Stille.

Zum anderen sind die Meditationen spielerisch. Kinder lernen durchs Spielen. Das ist etwas, was wir von ihnen lernen können. Im Spiel wird Lernen plötzlich leicht – und tief.

Seminar: Der kleine Samurai findet seine Mitte

13. September 2017

Köln: Uta Akademie, Venloer Str. 5, 50672 Köln

16 bis 17.30 Uhr

Leiterin: Anando Würzburger

Eltern mit Kind (ab 7 Jahre)

10 Euro

Anmeldung: telefonisch unter  0221-57407-0

Infos: Meditation mit Kindern

Die Veranstaltung ist Teil der Seminarreihe Meditation für Groß und Klein.

Trotzphase und Autonomiephase: Selbständig und starke Gefühle

"Die Autonomiephase/Trotzphase: Wieso trotz mein Kind so?" Zeichnung eines wütenden Kindes

Die Engländer nennen es die Terrible Twos, die schrecklichen Zwei. Die Rede ist von der Trotzphase oder besser gesagt der Autonomiephase. Die beginnt in der Regel im zweiten Lebensjahr und endet ungefähr mit dem fünften Lebensjahr. Die Kinder werden in dieser Zeit autonomer, das heißt selbständiger. Viele Eltern fürchte diese Zeit, da sie teilweise mit heftigen Gefühlsausbrüchen der Kinder einhergeht – und manchmal auch der Eltern. 😉

Wieso soll es nicht Trotzphase, sondern Autonomiephase heißen?

Der Begriff Trotzphase ist heute dem Begriff Autonomiephase gewichen. Denn Trotz hat mittlerweile einen negativen Beigeschmack: Es klingt, als würden die Kinder gegen die Eltern rebellieren. Als würden sie sich dem elterlichen Willen entgegensetzen – vielleicht sogar aus reiner Boshaftigkeit? Aus der Forschung wissen wir, dass diese Phase aber erstens ein völlig normaler und wichtiger Schritt in der kindlichen Entwicklung ist. Und zweitens reagieren die Kinder nicht so wütend oder gar aggressiv, weil sie den Eltern schaden wollen, sondern weil sie schlicht und einfach nicht anders können!

Der Begriff Autonomiephase beschreibt treffender, was eigentlich passiert: Das Kind löst sich von der Hauptbezugsperson, meist der Mutter, und wird selbständiger. Dieser Ablöseprozess ist jedoch anstrengend – für alle Seiten.

Von Rittern und Burgen oder: Wieso ich Trotz trotzdem mag

Ich persönlich kann tatsächlich dem Begriff Trotz und Trotzphase etwas Positives abgewinnen. Denn das Wort ist mit dem Wort Trutz eng verwandt. Eine Trutzburg war im Mittelalter eine wehrhafte Verteidigungsanlage. Die Vorstellung, dass mein Kind lernt wehrhaft und stark zu sein wie eine Burg voller Ritter, gefällt mir als Fantasy-Fan außerordentlich gut.

Vor rund einem Jahrhundert kannte man übrigens noch zwei Trotzphasen. Die zweite war schlicht das, was wir heute Pubertät nennen. Im Umkehrschluss bezeichnen manche Autoren heutzutage die Autonomiephase auch als „kleine Pubertät“. Wie es nun auch heißt – beides sind wichtige Entwicklungsschritte unserer Kinder.

"Die Autonomiephase/Trotzphase: Jetzt kann ich alles alleine!" Zeichnung eines Kindes und eines Erwachsenen

Warum ist die Autonomiephase/Trotzphase so schwierig?

Sich zu lösen, ist anstrengend. Das grundlegende Dilemma des Kindes gleicht kurz gefasst folgendem inneren Dialog: „Ich brauch die Mama nicht mehr – Hilfe, wo ist Mama?“

Um selbständig zu werden, müssen sich Kinder aus der Symbiose lösen, in der sie sich vor der Geburt und auch größtenteils nach der Geburt noch gefühlt haben. Jetzt, im Alter von 18 bis 24 Monaten beginnt das Kind sich bewusst selbstwahrzunehmen. Ein Hinweis darauf ist zum Beispiel der Moment, in dem sich das Kind im Spiegel erkennt.

Es ist eine große Veränderung und Veränderungen können zuweilen anstrengend sein. Auf der einen Seite kann sich das Kind jetzt in der Regel selbständig bewegen (also laufen) und mitteilen (sprechen). Auf der anderen Seite reicht das nicht, um alle seine Wünsche und Ideen auch umzusetzen. Im Gegenteil – an vielen Stellen scheitert das Kind. Noch.

Frustration: Scheitern der Kommunikation – oder Geschrei um einen Apfel

Oft versucht das Kind seinen Eltern etwas mitzuteilen, wird aber missverstanden. Zum Beispiel möchte ein Kind eine Erdbeere. In seinem aktiven Wortschatz taucht die Erdbeere noch nicht auf. Das Kind bezeichnet schlicht alle Früchte als Apfel. Es weiß aber schon, dass es viele verschiedene Früchte gibt. Also konkretisiert es seinen Wunsch um die Farbe „rot“. Herauskommt: „Apfel rot.“

Die Mutter ist erfreut über ihr sprachgewandtes Kind und gibt ihm wie gewünscht einen roten Apfel. Das Kind schaut verständnislos auf den Apfel, schüttelt den Kopf und sagt: „Apfel rot!“ Die Mutter erklärt: „Genau, der Apfel ist rot, mein Schatz.“ Daraufhin wird das Kind lauter und wiederholt: „Nein, Apfel rot.“ Die Mutter ist inzwischen leicht genervt, reißt sich aber zusammen und zeigt den Unterschied: „Schau, dieser Apfel ist rot. Und das ist ein grüner Apfel.“ Das Kind ist ebenfalls genervt, da ihm seine Mutter jetzt zwei Äpfel statt die gewünschte Erdbeere gibt. Es nimmt einen Apfel, schmeißt ihn auf den Boden und schreit. Die Mutter steht ratlos daneben.

Frustration: Scheitern an Verboten und Grenzen – das teure Handy

Ob es sich sprachlich ausdrücken will oder die Schuhe binden will, das Kind erlebt in dieser Zeit häufig seine eigene Unzulänglichkeit – und wird traurig oder wütend. Neben diesen inneren Grenzen des eigenen Handelns gibt es noch äußere Grenzen, die das Kind frustrieren können. Es sind zum Beispiel die Gebote und Verbote: Das Kind möchte unbedingt mit dem Handy spielen, mit dem Papa so viel Zeit verbringt. Das Gerät scheint ja wichtig zu sein. Also möchte es das auch haben. Aber Papa nimmt es ihm weg. Das Kind weint bitterlich.

Die Erfahrung, wie fremdbestimmt ich als Kind bin, kann überwältigend sein: Wenn meine Mutter mich einfach packt und wegträgt, obwohl ich klar gezeigt habe, dass ich weiter spielen möchte, dann erfahre ich meine eigene Ohnmacht auch noch körperlich. Ich kann strampeln oder schreien so viel ich will, es hilft nichts, ich bin den Großen ausgeliefert.

Frustration Selbständigkeit: Geh weg, komm her

Eine etwas subtilere Form der Frustration und Ohnmacht ist das Gefühl, wenn ich mich tatsächlich von Mama oder Papa löse. Zum Beispiel sagt das Kind klar „Nein“, als Papa es auf den Arm nehmen will. Es löst sich sogar körperlich aus der Nähe des Vaters, geht ein paar Schritte zur Seite und fängt im nächsten Moment an zu weinen. Nicht wenige Eltern stehen ratlos daneben. Das Kind hat doch seinen Willen bekommen, wieso weint es jetzt? Weil dem Kind plötzlich klar wird, dass es allein ist. Es vermisst die Nähe, die es eben noch abgelehnt hat.

Gleichzeitigkeit der Gefühle kennen auch Erwachsene

Dieses Hin und Her ist für Kinder anstrengend. Und doch gehört es dazu. Wir kennen das auch als Erwachsene noch: Wenn wir zum Beispiel am ersten Tag zu dem neuen Job gehen, auf den wir uns so gefreut habe. In dem Moment, in dem wir durch die Tür gehen, müssen wir kurz schlucken. „Wird alles gut gehen?“, fragen wir uns. Diese Ambivalenz der Gefühle spüren Kinder in voller Stärke. Und sie haben noch nicht die Mechanismen gefunden, um mit diesen Gefühlen umzugehen. Traurigkeit ist da? Dann wird sie ausgelebt!

Was braucht das Kind gerade? Geborgenheit oder Freiheit?

Das Pendeln zwischen dem Bedürfnis nach Geborgenheit und dem Bedürfnis nach Wachstum und Selbständigkeit fordert uns Eltern heraus. Wir sind es, die diese Bedürfnisse unseres Kindes lesen und erfüllen sollen. Nicht immer gelingt uns das auf Anhieb. Und das finde ich auch okay und menschlich. Doch wir haben einen guten Führer auf dieser Reise: Das Kind zeigt uns dabei den Weg.

Fazit: Wieso die Autonomiephase so wichtig ist

Die Autonomiephase ist ein großer Schritt des Kindes hin zur Selbständigkeit. Viele weitere kleine und große werden im Laufe der kindlichen Entwicklung folgen. Wichtig finde ich zu wissen: Trotzreaktionen zwischen dem zweiten und fünften Lebensjahr sind normale Bestandteile der kindlichen Entwicklung. Wie oft oder wie stark diese Trotzreaktionen sind, unterscheiden sich von Kind zu Kind. Während das eine Kind nur beleidigt die Lippe hochzieht, wirft sich das nächste schreiend und strampelnd auf den Boden. Leider können Tobsuchtsanfällen, Weinkrämpfen oder sogar Affektkrämpfen dazu gehören.

Ja, diese Phase kann anstrengend sein. Genau wie eine Schwangerschaft anstrengend sein kann oder wie durchwachte Nächte anstrengend sind. Kinder sind unterschiedlich. Kinder fordern uns als Eltern heraus. Hilfreich finde ich, es so zu sehen: Trotzen ist ein gutes Zeichen. Ihr Kind wird selbständig. Ihr Kind ist auf dem richtigen Weg. Der Kinderarzt und Autor Remo Largo schreibt, dass er es viel schlimmer fände, wenn Trotzreaktionen ausblieben – das könnte ein Zeichen sein, dass die Ich-Entwicklung gestört wäre! Da freue ich mich doch lieber über ein gesundes und schreiendes Kind.

 

PS: Das nächste Mal schreibe ich darüber, was Sie tun können, um mit Wutanfällen in der Autonomiephase (Trotzphase) umzugehen und was Sie besser nicht tun.

 

Literaturempfehlungen

Remo H. Largo: Babyjahre, Die frühkindliche Entwicklung aus biologischer Sicht, Piper

Remo H. Largo: Kinderjahre, Die Individualität des Kindes als erzieherische Herausforderung, Piper

Grenzen in der Erziehung : Was Kinder aus Strafen lernen … 

 Zeichnung eines Erwachsenen, der mit einem Kind schimpft. Text: Was Kinder aus Strafen lernen.

Zwei Wochen Bastelverbot? Was sich auf den ersten Blick lustig anhört, offenbart Abgründe in der Erziehung. Denn das Beispiel stammt aus einem Kindergarten. Leider sind Strafen auch in vielen Familien immer noch an der Tagesordnung. Das Verrückte: Strafen funktionieren. Nur leider nicht so, wie die meisten Eltern sich das wünschen …

Die KiTa streicht einer Vierjährigen Basteln – für zwei Wochen! In der Schule darf eine Elfjährige nicht mehr am Schwimmunterricht teilnehmen. Und zuhause erhält ein Sechsjähriger Stubenarrest. Alles Strafen aus dem Jahr 2017. Kein Wunder: Strafen sind effektiv. Viele Kinder stellen daraufhin das unerwünschte Verhalten ein. Doch der Preis dafür ist hoch.

1.    Wie Strafen wirken

„Eine Strafe muss weh tun.“ Das ist die grundlegende Idee. Strafe ist ein so einschneidender Vorgang, dass sich der Bestrafte daran erinnert und das unerwünschte Verhalten in Zukunft unterlässt. Soweit die Theorie.

1.1.  Strafen verletzen

Im Grundkonzept von Strafe liegt auch gleich ihr größter Nachteil: Sie verletzt den anderen – und zwar bewusst! Dazu kommt die Abhängigkeit des Kindes von den Erwachsenen. Das Machtgefälle verstärkt die Wirkung der Strafe, das heißt der Verletzung noch.

Diese gigantische Abhängigkeit, in der Kinder leben, vergessen wir als Erwachsene häufig. Als Kind bin ich meinen Eltern, aber auch meinen Erziehern oder Lehrerinnen größtenteils ausgeliefert. Merken Erwachsene, dass ihnen Beziehungen schaden, dann können sie diese verändern oder auflösen. Selbst zentrale Beziehungen können sie beenden: sich vom Partner trennen oder scheiden lassen, kündigen oder umziehen. Das können Kinder nicht. Ihr Schicksal liegt in den Händen der Erwachsenen.

Kinder sind von uns Erwachsenen abhängig

So eine absolute Abhängigkeit erfahre ich als Erwachsener eher selten. Dennoch kann ich sie auch spüren. Zum Beispiel wenn ich mich an Vorgesetze oder Behörden wende: Wenn meine Chefin mir nicht den Urlaub im gewünschten Zeitraum genehmigt. Oder wenn mir die Krankenkasse nicht die Kur bewilligt. Wenn ich mir das vergegenwärtige, dann verstehe ich, wieso Kinder oft so absolut frustriert sind, wenn wir nein sagen. Denn unser Nein ist für sie absolut.

1.2.  Strafen schaden der Beziehung

Wie fühlt es sich wohl an, wenn der Mensch, dem ich das größte Vertrauen entgegenbringt, mich verletzt? Überlegen Sie, wie ein grundlegender Streit mit Ihrer Partnerin oder Ihrem Partner war. So fühlen sich Kinder, wenn ihre Eltern sie verletzen – nur ist das Gefühl viel, viel stärker. Strafen belasten also die Beziehung zwischen Eltern und Kind.

Strafen widersprechen den Bedürfnissen des Kindes

Die Strafe verletzt also das Kind besonders und das belastet die Beziehung zu uns Erwachsenen. Unsere Aufgabe ist aber eine ganz andere: Unsere Aufgabe als Eltern, und auch als Erzieherin und Lehrer, ist es die fundamentalen Bedürfnisse des Kindes zu befriedigen. Fundamentale Bedürfnisse sind vor allem Nähe und Sicherheit. Strafen untergraben beides.

1.3.  Das Kind passt sich an

„Aber es funktioniert, ich muss nur einmal ernst blicken, dann gehorchen meine Kinder.“ Diese Aussage habe ich tatsächlich so gehört. Ja, Ihre Kinder gehorchen. Ganz einfach: Sie haben sie abgerichtet – wie einen Hund. Ich habe den betreffenden Vater gefragt, weshalb seine Kinder jetzt gehorchen. Nach einer Weile kam er darauf: Sie hatten schlicht und einfach Angst vor ihm. Ganz ehrlich: Ich halte es für eine ganz schlechte Idee, Kindern Angst zu machen und noch davor vor den eigenen Eltern.

Kinder, die gelernt haben Angst zu haben, werden häufig entweder ängstlich oder wütend. Ängstliche Menschen werden Drückeberger, die zu allem Ja und Amen sagen. Wütende Menschen werden Aggressoren, die zu allem Nein sagen. Ich möchte aber, dass meine Kinder frei sind. Frei Ja zu sagen und Nein zu sagen, wenn sie das möchten. Denn wir brauchen beides: Die Fähigkeit Nein und Ja zu sagen. Nein zu sagen ist die Fähigkeit sich abzugrenzen. Ja zu sagen ist die Fähigkeit sich mit anderen zu verbinden. Damit Kinder das lernen brauchen sie das Vertrauen, dass sie so, wie sind, angenommen sind.

Übrigens 1: Das Gesetz

Es gibt da auch ein Gesetz, das besagt, was wir unseren Kindern antun dürfen – und was nicht! Im Bürgerliches Gesetzbuch steht unter § 1631 (2): „Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.“ Ich bin sicher: Strafe ist entwürdigend.

Übrigens 2: Die Wut der Eltern

Häufig verhängen wir Strafen rein aus Wut. Hinter unserer Wut steht meist unsere eigene Ohnmacht. Das erlebe auch ich so, wenn ich mit unseren Kindern zusammen bin. Nur hat es nichts mit dem Kind zu tun. Unsere eigenen Kinder bringen uns lediglich viel schneller als irgendjemand anders an unsere Grenzen.

Aber: Es sind und bleiben unsere Grenzen – nicht die Grenzen des Kindes. Wer sich darauf einlassen will, hat hier eine große Chance selbst zu lernen und zu wachsen. Gerade im Konflikt mit dem eigenen Kind: Was treibt mich zur Weißglut? Was ist das in mir, das mich wütend macht? Was fehlt mir in diesem Moment?

Ein Erwachsener schimpf mit einem Kind. Text: Strafen machen ängstlich oder wütend.

2.     „Mir hat das auch nicht geschadet“ – Argumente für Strafen?

Das Argument „Mir hat das auch nicht geschadet“ ist aus meiner Sicht genauso sinnvoll wie „Das haben wir immer schon so gemacht“. Vor einem halben Jahrhundert war die Prügelstrafe in Deutschland selbst in Schulen noch verbreitet. Zum Glück haben wir das hinter uns gelassen. Aber: Es hat bis zum Jahr 2000 gedauert, bis körperliche Strafen in der Erziehung in Deutschland gesetzlich verboten wurden – Schweden ging da schon 1979 mit gutem Beispiel voran.

Wieso Konsequenzen keine Alternativen sind

Als Alternative zu Strafen sind in den letzten Jahren die „logischen“ oder „natürlichen Konsequenzen“ in Mode gekommen. Ich glaube: in der Regel sind das nur sprachliche Umschreibungen für Strafen.

Eine natürliche Konsequenz ist in meinen Augen etwa folgende Situation: Ein Kind spielt mit seinem Lieblingsglas und wirft es hoch. Das Glas fällt herunter und zerspringt in tausend Scherben. Das ist eine natürlich Konsequenz. Meist meinen wir aber etwas anderes, wenn wir in der Erziehung von natürlicher Konsequenz sprechen.

Wenn das Kind also beim Abendbrot sein Glas hochwirft, dann verbannen es die Eltern vom Tisch. Das ist aber in meinen Augen keine natürliche Konsequenz, sondern schlicht und einfach eine Strafe.

Es gibt mit Sicherheit die Möglichkeit sich Konsequenzen zu überlegen, die als natürliche Folge des Verhaltens erscheinen. Ganz ehrlich: Mir ist das schlicht zu anstrengend. Wenn mir etwas nicht passt, dann sag ich das. Wenn mein Kind etwas tut, mit dem ich nicht einverstanden bin, dann sag ich das. Wenn mein Kind etwas tut, was das Kind oder jemand anders gefährdet, dann schreite ich sofort ein. Okay, auch wenn das Kind mit dem Hammer auf den Fernseher losgeht 😉

Falls Sie sich die Mühe machen logische Konsequenzen einzuführen, rate ich Ihnen achten Sie darauf: Sie dürfen sich nicht wie Strafen anfühlen. Wenn das Kind spürt, dass die Eltern ein scheinheiliges Spiel treiben, dann geht das Ganze nach hinten los. Sie wissen schon, Sprüche wie: „Das hast du dir selbst zuzuschreiben.“

3.     Kinder und Grenzen

Die Frage nach Strafe tritt ja vor allem in Konflikten auf: Wenn das Kind etwas tut, was ich nicht möchte. Wenn es etwas zerstört. Wenn es Grenzen, meine Grenzen, überschreitet. Dabei ist es hilfreich, sich zwei Dinge zu verstehen und sich liebevoll in Erinnerung zurufen:

3.1.  Grenzen fordern heraus

Grenzen haben auf Kinder erst mal keine abschreckende Wirkung. Viele Erwachsene mögen vielleicht denken: Das ist verboten, dann tut man das auch nicht. Tatsächlich würde ich sagen, dass sich kein Mensch wirklich an alle Regeln hält. Vielmehr brechen und biegen wir Großen auch manche Regel oder sogar Gesetze. Auf Kinder haben Grenzen eine geradezu magische Anziehungskraft. Sie fragen sich: Hält die Grenze?

Ein Kleinkind lässt immer wieder etwas zu Boden fallen. Einen Baustein, den Teddy, das Kissen, die Fernbedienung und so weiter. Es testet schlicht und einfach die Gravitation. Und so wie Kinder physische Regeln und Gesetze testen, so testen Kinder auch soziale Regeln. Also: Bleibt Mama auch bei ihrem Nein zu Schokoriegel an der Kasse, wenn ich lauter werde?

3.2.  Kinder können vieles nicht abschätzen

Das kindliche Gehirn ist in der Entwicklung und im Aufbau, später im Jugendalter wird es dann sogar umfassend umgebaut. Das heißt Kindern fehlt in vielen Situationen schlicht die Einsichtsfähigkeit. Das logische Denken ist noch nicht auf dem Niveau eines Erwachsenen. Der Teil des Gehirns, der für die Impulskontrolle und das planerische Handeln zuständig ist, bildet sich oft erst jenseits des 20. Lebensjahrs aus!

4.     Wie setze ich mich durch? 3 Schritte zu einer respektvollen Lösung

Okay, das Kind überschreitet meine Grenzen, meine Regeln. Wie gehe ich nun vor, wenn ich nicht strafen will?

Der erste Schritt ist mich selbst zu sehen. Mit mich sehen meine ich, dass ich meine eigenen Gefühle sehe – und anerkenne, dass es meine Gefühle sind. So in der Art: „Ich bin echt wütend, dass mein Sohn meinen Lieblingscomic bekritzelt hat.“

Im zweiten Schritt schaue ich auf das Kind und versuche zu verstehen, wie es ihm geht: „Oh, es ist überrascht, dass ich so wütend bin.“ Dann überlege ich, welches Bedürfnis das Kind verfolgt hat. Da es meine Sammlerausgabe des Comics mit Buntstift bemalt hat, vermute ich mal, dass es sich künstlerisch ausdrücken wollte.

Und schließlich überlege ich im dritten Schritt, was das Kind jetzt braucht. Beim Anblick meines neu kolorierten Comics hatte ich kurz die Fassung verloren und laut geschimpft – so in der Art: „Was zum Teufel …?“ Wenn ich mir jetzt den Zweijährigen betrachte, dem Tränen über das Gesicht laufe, komme ich zum Schluss, dass der Kleine schnell getröstet werden muss.

4.1.  Weitere Möglichkeiten, wie wir als Eltern intervenieren können:

Zum einen können wir das Verhalten unterbrechen. Oft reicht es, das Kind auf etwas anderes aufmerksam zu machen, um es von seiner Wut abzulenken. Das ist vor allem bei kleinen Kindern sehr hilfreich, die noch nicht so gut wieder aus einem Gefühl aussteigen können. Zum anderen können wir die Situation einfach aushalten. Das ist angebracht, wenn das Kind sich nicht ablenken lässt.

Für Kinder – und Menschen allgemein – kann es hilfreich sein, einfach mal ein Gefühl auszuagieren. Manchmal müssen wir einfach weinen – auch wenn es eine halbe Stunde dauert. Manchmal ist der Schmerz einfach so groß. Gut, wenn dann jemand da ist, der mich lieb hat und dem ich bedingungslos trauen kann – meinen Eltern.

5.     Fazit: Nein sagen!

Damit nicht der Eindruck entsteht, bei uns in der Familie herrsche Friede und Harmonie, noch ein paar Worte zum Nein sagen. Wir sagen auch mal sehr deutlich Nein. Wir werden manchmal auch laut. Auch mal zu laut. Dann entschuldigen wir uns. Suchen nach einer Lösung, einem Kompromiss. Wir sind nämlich nur Menschen und nicht perfekt. Wir sind gemeinsam auf den Weg – gemeinsam mit unseren Kindern. Und das empfinden wir als großes Geschenk.

PS: Hier habe ich auch schon mal ausführlich übers Nein-Sagen und Grenzen-Setzen geschrieben.

Darf ich nicht mehr loben?

Ein Mensch lobt einen anderen. Text: Kann loben schaden?

Schadet zu viel Lob oder ist loben an sich schlecht? Erst sollten wir Eltern mehr loben statt den ganzen Tag nur an unseren Kindern rumnörgeln. Jetzt ist sogar das Loben falsch? Meine Antwort auf die Frage einer Mutter zu diesem Thema. 

Frage: Kürzlich stolperte ich über einen Artikel von Jesper Juul zum Thema Loben. Und er vertritt die Auffassung, dass man Kinder nicht loben sollte. Denn dann würde man sich auf eine höhere Ebene begeben und aus der Augenhöhe mit dem Kind herausbewegen.

Ich empfinde das anders. Für mich ist „Loben“ als ehrlicher Ausdruck von FREUDE über eine Situation mit meiner Tochter.

Antwort: Ja, ich verstehe Juuls Ansatz, glaub ich. Damit wäre loben das Gleiche wie bestrafen. Es ist die andere Seite der Medaille. Bei beidem bewerte ich das Verhalten des Kindes und damit das Kind. Ich nehme es nicht wirklich an. Sondern konditioniere es. Das Kind lernt natürlich aus Lob und Strafe. Und ja, Lob funktioniert besser als Strafe. Strafe basiert auf Angst, Lob auf Freude. Aber das Grundproblem, was Juul hier wohl sieht, ist, dass sich das Kind anpasst. Es funktioniert.

Als Eltern sind wir nun mal in der mächtigeren Position. Ich finde das sehr wichtig mir das zu vergegenwärtigen. Selbst wenn wir uns selbst als liebevolle und einfühlsame Eltern sehen – und die Eigenwahrnehmung kann ja erheblich von der Fremdwahrnehmung abweichen. Selbst wenn wir uns so sehen, das Kind ist uns auf Gedeih und Verderben ausgeliefert. In den ersten Jahren sind menschliche Kinder unglaublich hilflos, verglichen mit anderen Säugetieren.

Wir Eltern haben die Macht, es ist nur die Frage, ob und wie wir sie einsetzen. Oder wie es Onkel Ben zu Peter Parker in Spiderman sagt: „Aus großer Macht folgt große Verantwortung.“

 

Was Kinder wirklich brauchen: Bedingungsloses annehmen

Kinder annehmen – ohne Wenn und Aber

Die andere, revolutionäre Idee wäre, dass ich mein Kind annehmen – ohne Wenn und Aber. Ich drücke damit aus: Du bist gut, so wie du bist. Viele Eltern werden jetzt wohl sagen: Aber das tue ich doch, ich liebe ja mein Kind. Es ist mein ein und alles.

Wenn wir uns aber genau anschauen, wie wir handeln, stellen wir fest, dass wir oft unsere Verhalten genau vom Verhalten des Kindes abhängig machen. Wir freuen uns, wenn es uns erfreut und dann loben wir es. Wir ärgern uns, wenn es uns ärgert, dann bestrafen wir es – und sei es nur mit Nichtachtung.

Nichts gegen die authentische Reaktion, die halte ich für sehr, sehr wichtig: Das Kind braucht unsere ehrliche Reaktion. Die Frage ist, wie die Reaktion ausfällt.

Hilfreich ist dabei zum einen, wenn ich darauf achte, was ich lobe. Also: Ich freue mich über das Verhalten (!) meines Kindes oder ich ärgere mich über das Verhalten mein Kindes. Und nicht: Ich freue mich über dich, weil du dich so verhalten hast. Oder ich ärgere mich über dich, weil du dich so verhalten hast.

Ich bin überzeugt: Kinder brauchen diese bedingungslose Grundannahme durch uns Eltern. Diese Wissen: Ich bin gut so, wie ich bin.

Wie reagiere ich?

Zum anderen ist es hilfreich, wenn ich auf die Art meiner Reaktion achte. Nicht selten reagieren Eltern ihren Kindern gegenüber extrem heftig. Das ist übrigens kein Wunder. Unsere Kinder haben die Fähigkeit unsere ganz speziellen „Knöpfchen zu drücken“.

Unsere Kinder schaffen es, uns zur Verzweiflung oder zur Weißglut zu treiben. Deswegen können selbst Eltern, die es schaffen im größten beruflichen Stress unglaublich freundlich und höflich zu sein, ihren Kindern gegenüber aus der Haut fahren.

Wenn ich aus der Haut fahre

Als Erwachsener ist es meine Pflicht, dafür zu sorgen, dass die Beziehung bestehen bleibt – obwohl ich aus der Haut gefahren bin. Wenn ich glaube, dass meine Reaktion zu heftig war. Dann kann ich mich entschuldigen. Und ich kann schauen, wie ich in Zukunft reagieren möchte. Das ist die Fähigkeit von Erwachsenen und meines Erachtens auch ihre Pflicht: die Beziehung zum Kind zu gestalten.

Freude, Traurigkeit und Wut gehören zum Leben dazu

Als ich zuviel lobte

Zurück zum Lob: Ich habe eine Zeitlang sehr viel gelobt. Zu viel, würde ich aus heutiger Sicht sagen. Der Grund: Ich hatte gelesen, wie viel wir am Tag negative Rückmeldungen senden und wie selten positive. Also begann ich meinen Kindern so viel wie möglich positive Rückmeldungen zu geben. Und habe es übertrieben, glaub ich.

Darf ich nicht mehr loben?

Heißt das, ich darf nicht mehr loben? Nein. Wenn mein Sohn mit einer guten Note nach hause kommt, dann freue ich mich – und sage auch: „Gut gemacht“. Juul schreibt meines Erachtens nur gegen dieses bewusste Erziehen an, was eher manipulativ wirken kann.

Was ist aber nun das richtige Maß? Wie so oft: Es kommt darauf an. Ich glaube, wir müssen immer und immer wieder fühlen, was richtig ist und passt. Ein Beispiel:

Loben im Straßenverkehr?

Ich hole meine Tochter, die in ein paar Wochen sechs wird, von der Kita ab. Ich bin zu Fuß, sie mit dem Roller. Das heißt sie zischt vorweg und ich folge ihr. An jeder Querstraße wartet sie auf mich. „Gut gemacht“, sage ich – und frage mich direkt: Zu viel gelobbt?

Schließlich kann meine Tochter anhalten. Aber: Es gibt auch die seltenen Momente, in denen sie einfach über die Straße düst, ohne zu schauen. Der Verkehr ist hier in der Großstadt sehr, sehr dicht. Radfahrer, Autofahrer, Straßenbahn und Fußgänger.

Mir ist es wichtig, dass sie sicher über die Straße kommt. Irgendwann in naher Zukunft geht sie ihren Schulweg alleine. Ich entscheide: Ja, ich trainiere weiter mit ihr und lobe sie, wenn sie angehalten hat und greife ein, wenn sie das nicht tut.

Kinder annehmen und authentisch reagieren

Ich bin dafür, dass wir erstens unsere Kinder annehmen und lieben und zweitens authentisch mit unseren Kindern umgehen. Sie spüren lassen, was wir im Moment fühlen. Das heißt auch unseren Ärger und unsere Freude mit ihnen teilen. Es ist dieser Moment, wenn wir unsere Gefühle teilen, der uns verbindet. Aus der Liebe heraus achten wir dabei auf unsere Kinder – und sehen, ob unsere Reaktion zu viel war.

 

Terror & Krieg: Wenn Kinder am Leid in der Welt verzweifeln

Terror, Leid und Handyspiele

Was hat Krieg und Leid in Syrien, ein weinender Junge und Handyspiele miteinander zu tun? Sehr viel, glaube ich.

Es ist Karfreitag und unser 10-Jähriger sitzt weinend auf meinem Schoß. „Wieso bringen sich die Menschen gegenseitig um?“, fragt er verzweifelt. Es geht um Syrien, Irak und Dortmund. Um Krieg und Terror, um Leid. Um die großen Fragen. Ich suche nach Antworten, versuche zu erklären, warum Menschen so handeln, wie sie handeln. Doch die Frage bleibt unbeantwortet: „Wieso schießen die aufeinander? Das sind doch alles Menschen! Das müssen die doch wissen.“

Wer hat die Antwort auf die großen Fragen?

Es sind diese Momente, an denen ich merke, dass ich als Vater nicht alles in der Hand habe. Nicht auf alles eine Antwort habe, geschweige denn eine Lösung. Es sind Momente, wo ich nur da sein kann. Meinen Sohn halten kann in seiner Trauer, in seiner Verzweiflung, in seiner Wut. Dabei hatte unser Gespräch eigentlich mit einem Game und einem YouTube-Star angefangen.

Vom Minecraft-Spiel zum Retter der Welt

Paluten ist ein YouTuber, der Minecraft spielt. Der Star meines Sohnes. Der will natürlich auch auf YouTube sein. Allerdings würde mein Sohn dort nicht (nur) über Games sprechen, sondern eher über die großen Themen: Umweltverschmutzung, Tierhaltung, Flüchtlinge und Kriege. Okay, dazwischen vielleicht ein paar Comedy- und Gesangs-Einlagen. Vor allem aber möchte er etwas bewegen, etwas verändern in dieser Welt. Kurz: Das Leid kleiner machen.

Krieg & Terror: Die Verzweilfung des 10-Jährigen

Nur wie mache ich das als 10-Jähriger, wenn sich vor mir das Leid der ganzen Welt auftürmt? Wenn ich so viel Fantasie habe, dass ich mir vorstellen kann, wie jeder einzelne Mensch in so einem Konflikt verletzt wird, leidet und stirbt. Wie jeder Soldat Frau und Kinder hinterlässt. Wie Trauer und Verzweiflung sich ausbreiten, wie daraus Wut entsteht und wieder Trauer. Wenn ich so viel Empathie habe, dass mir das alles so nahe geht. Wie mache ich das?

Mein erster Impuls war ihm zu sagen, was er selbst machen könnte, um anderen zu helfen: Sich mit einem Flüchtlingskind in seiner Schule anfreunden oder einen kleinen Wohltätigkeitsbasar zu veranstalten. Aber das alles hätte ihn nur abgelenkt von seiner Trauer – und von seinen eigenen Antworten und Lösungen.

Wir sind oft schnell mit Antworten bei der Hand, versuchen Kinder zu trösten oder wollen ihnen den Schmerz ersparen. Doch das geht am Wesentlichen vorbei. So raube ich meinem Kind die Erfahrung, auch wenn es eine schmerzhafte Erfahrung ist.

Ostern: Leid ist Teil des Lebens

Dass Trauer, absolute Verzweiflung und Leid genauso Teil des Lebens sind wie die Hoffnung und Freude, ist die Botschaft in Religionen weltweit. Im Christentum ist das Leid sogar das Symbol des Glaubens schlechthin: der Gekreuzigte. Und bei Ostern geht es genau darum: Leid und Tod, Einsamkeit und Verzweiflung – und erst danach Auferstehung und Dankbarkeit.

Die Jünger waren völlig verzweifelt, als ihr geliebter Meister starb. Er, der sie führte und leitete, der ihnen Aufbruch und Neuanfang versprach, der sie liebte und annahm, so wie sie waren, er war plötzlich nicht mehr da. Nun waren sie alleine.

Ob religiös oder nicht – Geschichten können helfen

Religiöse oder spirituelle Erzählungen, aber auch viele andere Geschichten können helfen, mit Schmerz und Trauer umzugehen. Denn das ist der Kern, die Grundbotschaft jeder Geschichte: Der Held leidet und wird am Ende erlöst. (Mehr zu Geschichten und zur Heldenreise)

Trauern ist ein wichtiger Teil des Lebens

Schmerz und Verzweiflung sind Teil des Lebens – ebenso wie Freude und Liebe. An bestimmten Stellen können wir sie nur durchleben – und nicht umgehen. Das eigene Kind leiden zu sehen, ist da eine besondere Herausforderung. Doch Trauern ist eine wichtige und eigentlich eine ganz normale Emotion. Hierzulande und heutzutage ist sie leider an vielen Stellen gar nicht mehr so normal.

Kindern Raum geben zu trauern

Wir haben unsere Kinder immer trauern lassen. In ihrem eigenen Tempo, in ihrem eigenen Ausdruck. Sie gehen mit zu Beerdigungen. Sie sagen Tschüss zu Verstorbenen, sie streicheln die Toten. Sie weinen oder eben nicht. So ließ ich meinen Sohn auch am Karfreitag trauern – diesmal um das Elend und Leid in der Welt.

Mal kurz die Welt retten?

Kurz die Welt retten, hat das Tim Bendzko mal ironisch im gleichnamigen Lied genannt. Nein, es geht nur, wenn wir bei uns anfangen. Bendzko, den mein Sohnes zurzeit hört (direkt nach den Beatles und Johnny Cash …), hat das aktuell so besungen: „Ich bin doch keine Maschine! Ich bin ein Mensch aus Fleisch und Blut.“ Und dazu zählen Trauer, Verzweiflung und Wut – auch bei Kindern.

 

Schulranzen & Einschulung: 9 Tipps zum Ranzenkauf

Text: 9 Tipps zum Ranzenkauf Bild: Kind mit Schulranzen
Im Sommer ist es soweit – dann haben viele Kinder ihren ersten Schultag. Neben der Schultüte ist der eigene Schulranzen für die meisten Kinder etwas sehr Wichtiges. Deswegen gehen Sie rechtzeitig auf Ranzenkauf.

Der Schulranzen sollte dem Kind gefallen. Es zeigt jedem: Jetzt bin ich (bald) ein Schulkind. Viele Kinder bringen ihren Schulranzen daher auch stolz mit in den Kindergarten. Für die Eltern dreht sich die Wahl des Ranzen oft eher um die Fragen: Wie bequem, sicher und teuer ist das gute Stück? Dazu ein paar Tipps, Erfahrungen und Gedanken.

1. Gewicht Schulranzen

Je leichter der Ranzen, desto weniger hat Ihr Kind zu schleppen. Eine Binsenweisheit, ich weiß. Der Ranzen soll leer maximal 1,2 kg wiegen, sagen manche Experten. Aber am Ende haben Sie es in der Hand, wie schwer das gute Stück im täglichen Gebrauch ist: das größte Gewicht sind Bücher, Hefte und Trinkflaschen. Sprechen Sie mit den Kindern, Lehrerinnen und Lehrern ab, was wirklich mit muss und was in der Schule bleiben kann. Das ist manchmal anstrengend, aber zahlt sich am Ende aus.

2. Ranzen anprobieren

Ich bin der Meinung Ranzen sollten – wie Rucksäcke – anprobiert werden. Ich brauche dazu einen fachlichen Rat und gehe daher gerne in ein Fachgeschäft. Grob gilt: Der Ranzen sollte nicht breiter sein als die Schultern Ihres Kindes und die Oberkante sollte etwa mit den Schultern abschließen.

3. Ausstattung Tragesystem

Achten Sie auf ein gutes Tragesystem. Da sind zu erste einmal die breiten, gepolsterten Tragegurte. Ein Beckengurt – so er den Namen verdient und richtig eingestellt ist – hilft das Gewicht zu verteilen. Das heißt er nimmt Gewicht von den Schultern und verlagert es auf das Becken. Wie gesagt, dazu muss er richtig stramm und auf den Beckenknochen sitzen. Ein gepolstertes und verstärktes Rückenteil schont ebenfalls den Rücken. Und zum Schluss sollte das Tragesystem dann noch mit Ihrem Kind mitwachsen können.

Ach ja: Viele Ranzen sind lediglich wasserabweisend – und nicht regendicht. Zu manchen Ranzen gibt es einen regendichten Überzug. Das ist vor allem wichtig, wenn Ihr Kind einen längeren Weg alleine zur Schule geht.

Tipp zum Schulranzen: Hochwertiges Tragesystem Bild: Tragesystem eines Schulranzen

4. Anforderung Schule

Was für einen Ranzen Ihr Kind braucht, hängt auch von der Schule ab, die es besucht. In manchen gebundenen Ganztagsschulen bleiben die Schulsachen alle in der Schule. Das heißt Ihr Kind nimmt nur das Essen und ab und zu das Sportzeug mit. Dafür braucht es aber keinen großen Ranzen. In diesem Fall reicht ein kleiner Rucksack. Daher mein Tipp: Fragen Sie in der Schule nach.

5. Prüfsiegel für Schulranzen

DIN-Norm 58124 ist die deutsche Norm für Schulranzen. Sie besagt unter anderem, dass mindestens 20% der Fläche des Ranzens fluoreszierend sein soll und 10% reflektierend. Viele Hersteller werben mit dieser Norm. Gerade für Schulanfänger halte ich es für absolut wichtig, dass sie auf der Straße gut gesehen werden. Leider noch am Anfang stehen wir in Sachen umweltfreundliche und schadstofffreie Schulranzen, wenn ich mir den Test in der letzten Ökotest anschaue. Alternativ können Sie auch auf einen Lederrucksack aus Bioleder zurückgreifen. Wichtig wäre mir an dieser Stelle, dass der Ranzen dem Kind gefällt. Zum Schulstart der einzige in der Klasse zu sein, der keinen leuchtenden Kunststoffranzen hat, kann eine ganz schöne Herausforderung für einen Sechsjährigen sein …

 

6. Aussehen und Gefallen

Der Ranzen soll dem Kind gefallen, nicht den Eltern, meine ich. Die können höchstens überlegen, ob das Design dem Kind auch noch in ein paar Jahren gefällt. Das schätze ich ja an den Ergobags: Da kann ich die Motive per Klettverschluss austauschen. Zum Beispiel wenn das Einhorn Ende der Grundschule nicht mehr so gut ankommt. Weiter als bis zum Ende der Grundschule brauchen Sie übrigens nicht denken – zum Eintritt in die weiterführende Schule empfehle ich Ihnen einen neuen Ranzen zu kaufen. Der Ranzen unseres Sohnes war dann auch „durch“.

7. Sicherheit

Achten Sie auf fluoreszierend und reflektierende Flächen – die DIN-Norm 58124 hilft Ihnen dabei. Allerdings schreibt sie auch zwingend bestimmte Farben vor. Das heißt es mag Ranzen geben, die Signalfarben wie Pink oder Neon haben, die nicht unter die Norm fallen. Pfiffig finde ich LED-Leuchtbänder und LED-Lichter. Und falls der Lieblingsranzen jetzt nichts davon hat: Vielleicht können Sie ja auch einfach ein, zwei Reflektoren dranhängen und ein LED-Licht anknipsen.

Tipp Schulranzen: Sicherheit.

8. Schulranzen packen

Wie beim Rucksack gilt die Regel: Alles Schwere möglichst nah an den Körper. Also: Bücher direkt an den Rücken. Pausenbrot und Co. empfehle ich in Seitenfächer unterzubringen. Damit schützen Sie Bücher und Hefte auch vor Butter, Käse und Wurst. Trinkflaschen sind echte Schwergewichte – in vielen Schulen gibt es für die Kinder Sprudel oder Leitungswasser.

9. Tragen

Kinder sollten den Ranzen mit beiden Tragegurten auf dem Rücken tragen. Der Ranzen liegt dabei möglichst nahe am Körper und schließt oben mit den Schultern ab. Kontrollieren Sie regelmäßig die Gurte und ziehen Sie sie gegebenenfalls nach. Bei uns war das Teil der morgendlichen Abschiedsroutine.

So, das war’s. Haben Sie etwas zu ergänzen? Dann schreiben Sie mir – ich freu mich auf Ihre Tipps.

Links: Schulranzen im Test

1. Schulranzen: Test von Öko-Test

2. Schulranzen: Test von Stiftung Warentest

 

Foto (Aufmacher): Christopher End

Fotos (Produktbilder): Mit freundlicher Genehmigung von F. O. BAGS GMBH 2017

Schulstress – Lehrer oder Eltern verantwortlich? Was statt der Schuldfrage hilft

Foto einer Klassenarbeit. Text: Wer ist schuld am Schulstress? Was wirklich hilft …

Die Frage, wer schuld hat am Stress von Schülerinnen und Schüler, gleicht dem Henne-Ei-Problem. Das Tolle: Im Fall Schulstress kommen noch viel mehr zum Zuge. Wir Eltern können den Schwarzen Peter den Lehrerinnen und Lehrern in die Schuhe schieben. Die geben ihn weiter an die Politik. Diese verweist auf die PISA-Studie oder die Wirtschaft. So haben alle etwas zu tun – sie können meckern.

Das Meckern oder die Suche nach dem Schuldigen 1 ändert allerdings nichts an der Situation, sondern höchstens an der Stimmung und der Motivation aller Beteiligten. Leider nicht zum Guten. Deswegen ist die Schuldfrage eher hinderlich als hilfreich, wenn es um die Suche nach Lösungen geht.

Schulstress: Probleme über Probleme

Wenn ich auf das Problem schaue, dann verstärke ich das Problem. Es rückt noch mehr in den Fokus. Damit meine ich nicht, dass ich generell die Augen vor Problemen verschließen soll. Ganz im Gegenteil. Es ist wichtig zu spüren, was mich ärgert oder stört. Aber es ist nur der erste Schritt.

Perspektivwechsel: Was will ich? Und wie komm ich dahin?

Der zweite Schritt ist den Fokus auf die Lösung zu richten. Dabei hilft es den als Problem empfundenen Zustand ins Gegenteil umzuformulieren. Im Falle von gestressten Kindern an der Schule, sage ich also: Wie gelingt es mir, dass meine Kinder in schulischen Belangen weniger gestresst sind? Oder positiv formuliert: Ich möchte, dass meine Kinder entspannter sind. Und: Wie gelingt mir das?

Einwand: Bleibt ja alles beim Alten

„Aber das Problem ändert sich ja nicht“, ist ein häufiger Einwand, den ich höre. Das stimmt. Das G8-System (Abitur nach acht Jahren) oder den Lehrer, den ich als streng empfinde, sind immer noch da. Nur sind das Elemente, auf die wenig oder gar keinen Einfluss habe. Und selbst wenn ich im Außen etwas ändern, ist damit unter Umständen nicht viel erreicht: Angenommen mein Kind wechselt also die Schule oder Schulform, dann kann mir auch in der nächsten Schule ein strenger Lehrer begegnen. Das eigentliche Problem bleibt bestehen.

Gott, gib mir die Gelassenheit,
Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.
Reinhold Niebuhr

Einwand: Schönrederei

„Das ist doch nur Schönfärberei“, mag der ein oder die andere einwenden. Ja, das stimmt sogar auf eine Weise. Lösungsorientiertes Denken ist die Fähigkeit, sich vom Problemdenken zu lösen. Darin ähnelte es dem Reframing, bei dem ich etwas Bestehendem einen neuen Bedeutungsrahmen verleihe. Das Tolle: Es ändert etwas an der Art, wie ich mit der Umwelt umgehe. Ich reagiere dann anders auf das, was bisher als problematisch erlebt wurde.

Foto der Note 2 unter einer Klassenarbeit.

Der Stress in der Schulzeit nimmt zu, so der Eindruck vieler Eltern. Ich empfehle die Diskussion um die Schuldfrage zu überspringen und direkt nach Lösungen für Ihr Kind und Ihre Familie zu suchen. Das führt schneller zu einem Erfolg und macht glücklicher 🙂

Vorteil Lösungsorientierung: Es tut gut

Durch Lösungsorientierung komme ich aus dem Problemdenken. Das ist erstens vor allem ein Wechsel auf der Gefühlsebene. Ich empfinde die Situation nicht mehr als so problematisch, da ich mich mehr mit der Lösung beschäftige. Es ist wie, wenn mein Arbeitsvertrag ausläuft: Ich kann die Gefahr der Arbeitslosigkeit sehen oder die Möglichkeit eine tolle neue Stelle zu finden.

Vorteil Lösungsorientierung: Es funktioniert

Zweitens komme ich durch das lösungsorientierte Denken viel eher und schneller zu für mich passenden Lösungen. Wenn ich mich über das G8-System aufrege, dann gleitet das schnell in eine politische Abrechnung ab: „Wie konnten die da oben nur so etwas machen?“ Ich kann dann eine Stunde oder länger diskutieren und mich beklagen – nur hat sich danach nichts geändert. Die Alternative: Ich suche in dieser Zeit nach Lösungen.

Fazit: Schulstress lösen in der Familie

Wer hat Schuld am Schulstress? Die Schuldfrage führt nur zu noch mehr Stress – und wenn es nur Sie als Eltern sind, die sich aufregen. Mein Tipp: Fangen Sie im Kleinen an nach Lösungen zu suchen. Bei sich in der Familie. Sie stärken damit Ihre Fähigkeiten Lösungen zu finden und die Fähigkeiten Ihres Kindes mit Schwierigkeiten im Leben umzugehen. Und das ist, so finde ich, doch schon etwas ganz Großes.

Touchdown: Ausstellung in Bonn mit & von Menschen mit Down-Syndrom

Ausstellung Tauchdown. Ausflugs-Tipp. Eine Ausstellung mit und von Menschen mit Down-Syndrom.

Wer im Rheinland kurz dem Karneval entfliehen will, dem empfehle ich die Ausstellung TOUCHDOWN – eine Ausstellung mit und von Menschen mit Down-Syndrom. Die sehenswerte Ausstellung in der Bundeskunsthalle in Bonn ist auch schon was für Familien mit Kindern. 

Texte, Videos, Zeichnungen und sogar persönliche Gegenstände von Menschen mit Down-Syndrom. Diese Ausstellung ist persönlich, sie geht mir nahe. Teilweise sind es heftige Momente: Der Brief einer Mutter an eine Zeitung. Ihr Sohn, der Down-Syndrom hatte, wurde ermordet.

Nahe beieinander: Freude und Schrecken

Viele der Texte sind unglaublich poetisch. Es ist wie als wäre das Magazin Ohrenkuss zum Leben erwacht. Ohrenkuss ist ein Magazin, das von Menschen mit Down-Syndrom geschrieben wird.

Die Verbrechen im Nationalsozialismus. Die Ausstellung basiert auf dem Forschungsprojekt TOUCHDOWN 21.

Gemälde, die zwei Liebende zeigen. Aus der Ausstellung Touchdown.

 

Eine Ausstellung mit gelungenem Storytelling

Die Ausstellung wird als Geschichte erzählt:
„Im Oktober 2016 landen 7 Astronauten und Astronautinnen von einem fremden Planeten auf der Erde.
Sie nennen sich „Second Mission” (zweite Mission).
Sie haben das Down-Syndrom.
Vor 5.000 Jahren sind die ersten Außerirdischen ihrer Art auf der Erde
 gelandet.“

Texte in Klare Sprache: Für Kinder top

Das Besondere: Die Texte sind in Klare Sprache. Klare Sprache ähnelt Leichter Sprache. Sie richtet sich an Menschen, die nicht so gut Deutsch lesen können. Das macht die Texttafeln auch für Kinder gut lesbar. Unser 10-Jähriger war von der ganzen Ausstellung total begeistert, die 5-Jährige hat sich immerhin eine halbe Stunde tapfer geschlagen.

Noch bis zu 12. März in Bonn

TOUCHDOWN gastiert noch bis zum 12. März in der Bundeskunsthalle in Bonn. Danach wandert die Ausstellung weiter. Wir haben als vierköpfige Familie sieben Euro Eintritt bezahlt. Das lesenswerte Buch zur Ausstellung kostet ebenfalls nur sieben Euro. Eindeutige Kaufempfehlung.

Zeichnung Comic: Vincent Burmeister / TOUCHDOWN

Zeichnungen (Liebespaar): Marie Bodson