Schulstress – Lehrer oder Eltern verantwortlich? Was statt der Schuldfrage hilft

Foto einer Klassenarbeit. Text: Wer ist schuld am Schulstress? Was wirklich hilft …

Die Frage, wer schuld hat am Stress von Schülerinnen und Schüler, gleicht dem Henne-Ei-Problem. Das Tolle: Im Fall Schulstress kommen noch viel mehr zum Zuge. Wir Eltern können den Schwarzen Peter den Lehrerinnen und Lehrern in die Schuhe schieben. Die geben ihn weiter an die Politik. Diese verweist auf die PISA-Studie oder die Wirtschaft. So haben alle etwas zu tun – sie können meckern.

Das Meckern oder die Suche nach dem Schuldigen 1 ändert allerdings nichts an der Situation, sondern höchstens an der Stimmung und der Motivation aller Beteiligten. Leider nicht zum Guten. Deswegen ist die Schuldfrage eher hinderlich als hilfreich, wenn es um die Suche nach Lösungen geht.

Schulstress: Probleme über Probleme

Wenn ich auf das Problem schaue, dann verstärke ich das Problem. Es rückt noch mehr in den Fokus. Damit meine ich nicht, dass ich generell die Augen vor Problemen verschließen soll. Ganz im Gegenteil. Es ist wichtig zu spüren, was mich ärgert oder stört. Aber es ist nur der erste Schritt.

Perspektivwechsel: Was will ich? Und wie komm ich dahin?

Der zweite Schritt ist den Fokus auf die Lösung zu richten. Dabei hilft es den als Problem empfundenen Zustand ins Gegenteil umzuformulieren. Im Falle von gestressten Kindern an der Schule, sage ich also: Wie gelingt es mir, dass meine Kinder in schulischen Belangen weniger gestresst sind? Oder positiv formuliert: Ich möchte, dass meine Kinder entspannter sind. Und: Wie gelingt mir das?

Einwand: Bleibt ja alles beim Alten

„Aber das Problem ändert sich ja nicht“, ist ein häufiger Einwand, den ich höre. Das stimmt. Das G8-System (Abitur nach acht Jahren) oder den Lehrer, den ich als streng empfinde, sind immer noch da. Nur sind das Elemente, auf die wenig oder gar keinen Einfluss habe. Und selbst wenn ich im Außen etwas ändern, ist damit unter Umständen nicht viel erreicht: Angenommen mein Kind wechselt also die Schule oder Schulform, dann kann mir auch in der nächsten Schule ein strenger Lehrer begegnen. Das eigentliche Problem bleibt bestehen.

Gott, gib mir die Gelassenheit,
Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.
Reinhold Niebuhr

Einwand: Schönrederei

„Das ist doch nur Schönfärberei“, mag der ein oder die andere einwenden. Ja, das stimmt sogar auf eine Weise. Lösungsorientiertes Denken ist die Fähigkeit, sich vom Problemdenken zu lösen. Darin ähnelte es dem Reframing, bei dem ich etwas Bestehendem einen neuen Bedeutungsrahmen verleihe. Das Tolle: Es ändert etwas an der Art, wie ich mit der Umwelt umgehe. Ich reagiere dann anders auf das, was bisher als problematisch erlebt wurde.

Foto der Note 2 unter einer Klassenarbeit.

Der Stress in der Schulzeit nimmt zu, so der Eindruck vieler Eltern. Ich empfehle die Diskussion um die Schuldfrage zu überspringen und direkt nach Lösungen für Ihr Kind und Ihre Familie zu suchen. Das führt schneller zu einem Erfolg und macht glücklicher :-)

Vorteil Lösungsorientierung: Es tut gut

Durch Lösungsorientierung komme ich aus dem Problemdenken. Das ist erstens vor allem ein Wechsel auf der Gefühlsebene. Ich empfinde die Situation nicht mehr als so problematisch, da ich mich mehr mit der Lösung beschäftige. Es ist wie, wenn mein Arbeitsvertrag ausläuft: Ich kann die Gefahr der Arbeitslosigkeit sehen oder die Möglichkeit eine tolle neue Stelle zu finden.

Vorteil Lösungsorientierung: Es funktioniert

Zweitens komme ich durch das lösungsorientierte Denken viel eher und schneller zu für mich passenden Lösungen. Wenn ich mich über das G8-System aufrege, dann gleitet das schnell in eine politische Abrechnung ab: „Wie konnten die da oben nur so etwas machen?“ Ich kann dann eine Stunde oder länger diskutieren und mich beklagen – nur hat sich danach nichts geändert. Die Alternative: Ich suche in dieser Zeit nach Lösungen.

Fazit: Schulstress lösen in der Familie

Wer hat Schuld am Schulstress? Die Schuldfrage führt nur zu noch mehr Stress – und wenn es nur Sie als Eltern sind, die sich aufregen. Mein Tipp: Fangen Sie im Kleinen an nach Lösungen zu suchen. Bei sich in der Familie. Sie stärken damit Ihre Fähigkeiten Lösungen zu finden und die Fähigkeiten Ihres Kindes mit Schwierigkeiten im Leben umzugehen. Und das ist, so finde ich, doch schon etwas ganz Großes.

Touchdown: Ausstellung in Bonn mit & von Menschen mit Down-Syndrom

Ausstellung Tauchdown. Ausflugs-Tipp. Eine Ausstellung mit und von Menschen mit Down-Syndrom.

Wer im Rheinland kurz dem Karneval entfliehen will, dem empfehle ich die Ausstellung TOUCHDOWN – eine Ausstellung mit und von Menschen mit Down-Syndrom. Die sehenswerte Ausstellung in der Bundeskunsthalle in Bonn ist auch schon was für Familien mit Kindern. 

Texte, Videos, Zeichnungen und sogar persönliche Gegenstände von Menschen mit Down-Syndrom. Diese Ausstellung ist persönlich, sie geht mir nahe. Teilweise sind es heftige Momente: Der Brief einer Mutter an eine Zeitung. Ihr Sohn, der Down-Syndrom hatte, wurde ermordet.

Nahe beieinander: Freude und Schrecken

Viele der Texte sind unglaublich poetisch. Es ist wie als wäre das Magazin Ohrenkuss zum Leben erwacht. Ohrenkuss ist ein Magazin, das von Menschen mit Down-Syndrom geschrieben wird.

Die Verbrechen im Nationalsozialismus. Die Ausstellung basiert auf dem Forschungsprojekt TOUCHDOWN 21.

Gemälde, die zwei Liebende zeigen. Aus der Ausstellung Touchdown.

 

Eine Ausstellung mit gelungenem Storytelling

Die Ausstellung wird als Geschichte erzählt:
„Im Oktober 2016 landen 7 Astronauten und Astronautinnen von einem fremden Planeten auf der Erde.
Sie nennen sich „Second Mission” (zweite Mission).
Sie haben das Down-Syndrom.
Vor 5.000 Jahren sind die ersten Außerirdischen ihrer Art auf der Erde
 gelandet.“

Texte in Klare Sprache: Für Kinder top

Das Besondere: Die Texte sind in Klare Sprache. Klare Sprache ähnelt Leichter Sprache. Sie richtet sich an Menschen, die nicht so gut Deutsch lesen können. Das macht die Texttafeln auch für Kinder gut lesbar. Unser 10-Jähriger war von der ganzen Ausstellung total begeistert, die 5-Jährige hat sich immerhin eine halbe Stunde tapfer geschlagen.

Noch bis zu 12. März in Bonn

TOUCHDOWN gastiert noch bis zum 12. März in der Bundeskunsthalle in Bonn. Danach wandert die Ausstellung weiter. Wir haben als vierköpfige Familie sieben Euro Eintritt bezahlt. Das lesenswerte Buch zur Ausstellung kostet ebenfalls nur sieben Euro. Eindeutige Kaufempfehlung.

Zeichnung Comic: Vincent Burmeister / TOUCHDOWN

Zeichnungen (Liebespaar): Marie Bodson

Nein sagen: Wie setze ich Grenzen in der Erziehung?

 

Bild. Kind auf Laufrad. Text: Nein sagen – so geht'sWann sage ich Nein zu meinem Kind und wie ziehe ich Grenzen, ohne dass das Kind dabei Schaden nimmt? Das ist die Frage einer Mutter, die ich hier beantworte.

Frage: Wenn das Kind bockt oder seinen Willen haben will, wie lange gehe ich darauf ein? Wann setze ich mich durch und „breche seinen Willen“? Ich will ja, dass das Kind seinen Willen entwickelt und sich auch durchsetzen kann. Aber wo kann ich die Bockhörner abschleifen, ohne dass es weh tut?

Es geht nicht darum, grundsätzlich meinen Willen als Eltern durchzusetzen oder gar den Willen des Kindes zu brechen. Es geht auf der anderen Seite auch nicht darum, dem Willen des Kindes überall nachzugeben. Es geht darum die Bedürfnisse des Kindes zu befriedigen – und meine Bedürfnisse. Wichtig sind dabei zwei Dinge. Erstens: Wünsche sind meist keine Bedürfnisse. Zweitens: Als Erwachsene sind wir verantwortlich, dass die Bedürfnisse aller in der Familie befriedigt werden. Das ist nicht Aufgabe des Kindes.

Zeichnung eines Kindes. Text: es geht um Bedürfnisse, nicht um Wünsche.

 

 

Warum Nein sagen?

Nein sagen ist aus verschiedenen Gründen wichtig. Nein sagen schützt. Es schützt das Kind vor Gefahren: Nein – es ist gefährlich auf die Straße zu rennen. Es schützt das Kind davor schlechte Gewohnheiten zu entwickeln: Nein – ich möchte nicht geschlagen werden. Es schützt Sie als Eltern vor Überforderung: Nein – ich möchte meine Ruhe haben. Vor allem lernt das Kind von Ihrem Nein selbst Nein zu sagen. Nein sagen bedeutet sich abgrenzen zu können. Das ist ein wichtiger Baustein, um sich im Leben behaupten zu können.

Wann soll ich Nein sagen?

Ich kann nicht sagen, bei welchen Themen Sie Nein sagen sollten und an welchem Punkt Sie sich durchzusetzen haben. Wichtig ist aus meiner Sicht, überhaupt Nein zu sagen. Also überhaupt in den Konflikt, in die Auseinandersetzung zu gehen. Die Stelle, an der Sie Nein sagen sollten, müssen und können nur Sie selbst herausfinden. Es geht darum, dieses Nein in mir zu spüren. Dieses: „Nein, das geht mir zu weit!“

Nein sagen zeigt meine Grenze auf

Dieser – oft erst einmal nur –  innere Impuls, Nein zu sagen, ist sehr bedeutend. Er zeigt mir meine Grenze auf. Und da es meine Grenze ist, unterscheidet sie sich von der Grenze anderer. In den meisten Fällen gibt es keine allgemeingültige Regel, wann wir Nein zu sagen haben.

Grenzen sind von Person zu Person unterschiedlich

Meine Frau kann selbst nach einem Arbeitstag meist viel länger Kinderlärm ertragen als ich – und dann hat sie schon den ganzen Tag mit Kindern gearbeitet, denn das ist ihr Job. Ich beschäftige mich aber mit Menschen im Zweiergespräch oder sitze alleine vor meinem Schreibtisch und schreibe. Und dennoch reißt mir am Ende des Tages vielleicht schon nach einer Viertelstunde Kinderlärm der Geduldsfaden. In diesem Moment bin ich dann an meine Grenze gekommen.

Foto eines Schaukeltiers auf einem Spielplatz. Text: Darum sind Grenzen so wichtig.

Wie sage ich denn Nein? Oder: Wie sage ich es meinem Kinde?

Es ist eine Sache, meine Grenze zu spüren und eine andere, diese zu kommunizieren. Wie heißt es so schön – der Ton macht die Musik. Tatsächlich ist es eine Mischung aus sehr vielen Einzelheiten, die unsere Kommunikation ausmacht: Also Tonfall, Wortwahl, Körpersprache und so weiter.

Der Ton macht die Musik

Beispiel Tonfall: Ich kann in einer leisen, flötenden Stimme Nein sagen. Ich kann ruhig und bestimmt Nein sagen. Ich kann lauter werden. Ich kann schreien und brüllen. All das macht einen Unterschied. Ich sage nicht, dass das Leisesein immer angemessen ist. Manchmal wird es in Familien laut. Das ist aus meiner Sicht besser, als wenn Konflikten aus dem Weg gegangen wird.

Wie finde ich die richtigen Worte?

Oder die Wortwahl: Es macht einen Unterschied, ob ich mein Kind bitte („Geh bitte auf dein Zimmer“),um Verständnis werbe („Schau mal, der Papa ist müde“), es besteche („Wenn du mich jetzt in Ruhe lässt, dann darfst du …“), ihm drohe („Wenn du weitermachst, dann darfst du nicht …“) oder einfach klar bin („Ich möchte, dass du auf dein Zimmer gehst.“).

Wie kommuniziere ich überhaupt mit meinem Kind?

Es hilft sich im ersten Schritt zum Beispiel Tonfall oder Ausdruck bewusst zu machen. Also mir die Frage zu stellen: Wie kommuniziere ich überhaupt mit dem Kind? Hier hilft oft die Rückmeldung der Partnerin oder des Partners. Die sehen häufig ganz gut, wo unsere Schwachstellen in der Kommunikation liegen. Im zweiten Schritt kann ich mir dann überlegen: Wie möchte ich denn kommunizieren? Oder wie kann ich meine Botschaft klarer rüberbringen?

Foto von bemalten Steinen. Text: Es kommt nicht auf Regeln an, sondern auf die Haltung.

Die Gefahr, wenn ich nur auf meine Worte achte

Dennoch: All das birgt die Gefahr, an der Oberfläche zu bleiben. Dann studiere ich Wörter ein, verstelle meine Stimme oder unterdrücke meine Wut. Das Gegenüber – und insbesondere die eigenen Kinder – spüren jedoch die unterschwelligen Gefühle. Im schlimmsten Fall beginnen die Kinder dann ihren eigenen Gefühlen nicht mehr zu trauen. Denn das, was sie bei ihren Eltern fühlen, deckt sich nicht mit dem, was die Eltern sagen.

Daher ist Ausdruck und Tonfall nur die Oberfläche der Kommunikation. Alles steht und fällt mit meiner inneren Haltung. Am Ende gibt meine innere Haltung den Ausschlag – und nicht einzelne Wörter!

Meine Haltung: Mein Ja und mein Nein

Mein Ja zu meinen Kindern ist, dass ich sie annehme. Dass ich für sie da bin – ohne Wenn und Aber. Das werden die meisten unter Liebe verstehen. Ich spreche aber auch aus Liebe, wenn ich zu meinen Kindern Nein sage. Dabei stelle ich natürlich nicht die Beziehung zu meinen Kindern in Frage. Und wenn ich Liebe sage, heißt das nicht, dass ich mit säuselnder Stimme flöte. Liebe heißt nicht Verliebtsein und Familie heißt nicht heile Welt!

Anders gesagt: Sie können nicht immer Freundin oder Freund Ihres Kindes sein. Das geht nicht. Liebe heißt, dem anderen neben meinem grundsätzlichen Ja auch mein Nein zu zeigen. Und wenn ich Nein sage, wird mein Gegenüber das mit hoher Wahrscheinlichkeit erst einmal nicht als angenehm empfinden.

Muss ich konsequent sein?

Ich halte übrigens nicht viel von Konsequenz – zumindest nicht in dem Sinne, dass es unumstößliche Regel gibt. Ich halte vielmehr davon auf die Menschen zu schauen. Also: Was braucht mein Kind jetzt? Und was brauche ich jetzt?

Sie haben gerade mit Grabesstimme das Ende der Spielplatzzeit angedroht ? Jetzt sehen Sie, dass Ihr Kind völlig versunken im Förmchenbacken ist und Sie bringen es nicht übers Herz es aus dem Spiel zu reißen? Wenn Sie die Zeit haben, dann lassen Sie es in Gottes Namen spielen. Genießen Sie den Augenblick und den Anblick Ihres Kindes. Wenn Sie hingegen einen wichtigen Termin haben, dann unterbrechen Sie das Spiel. Es bringt keinem etwas, wenn Sie danach durch den halben Tag hetzen, nur weil sie dem Kind einen schönen Augenblick gönnen wollten.

Muss ich mein Nein begründen?

Nein, müssen Sie nicht. Macht aber manchmal Sinn. Wie gesagt: Es kommt wieder darauf an. Bei sehr kleinen Kindern halte ich lange, vermeintlich logische Erklärungen für kontraproduktiv. Die Kinder nehmen dann eher mit, dass über alles diskutiert werden kann. Natürlich wandelt sich das im Laufe der Zeit. Kinder werden größer und beginnen zu fragen und ihre eigene Meinung zu haben. Aber auch hier finde ich, muss ich nicht alles erklären. Wie soll ich auch begründen, wenn ich etwas einfach nicht möchte?

Nein sagen stößt vor den Kopf

Das Aussprechen meiner Wahrheit, also wie ich die Welt wahrnehme, kann den anderen vor den Kopf stoßen. Das gilt für alle Beziehungen: Weise ich meinen Kollegen darauf hin, dass er nach Knoblauch riecht, kann das erst zu einer peinlich Gesprächspause führen. Vielleicht ist er aber später dankbar, dass ich ihm das vor dem wichtigen Gespräch mit dem Kunden gesagt habe.

Je enger die Beziehung, desto heftiger sind meist unsere Reaktionen. Wenn ich meiner Frau sage, was mich an unserer Beziehung stört, muss ich mich wahrscheinlich warm anziehen. Zu dem Nein-Sagen zählt aus meiner Sicht auch, wenn ich vom anderen etwas möchte: Also, wenn ich möchte, dass der andere sein Verhalten ändert. Dann sage ich zu ihm quasi: Nein, so geht das nicht (mehr).

Keine Dankbarkeit oder Einsicht erwarten

Wenn Sie Ihrem Kind sagen, dass es ab sofort im Haushalt mithilft und die Spülmaschine ausräumt, dann erwarten Sie nicht, dass es Ihnen dafür freudig um den Hals fällt. Vielleicht wird es Ihnen in zwanzig Jahren dankbar sein, dass Sie es zu einem selbständigen Menschen erzogen haben. Vielleicht. Aber für den Moment würde ich mit Widerstand rechnen – vielleicht sogar mit erheblichem Widerstand.

Mit Widerstand rechnen

Mit Widerstand können wir eigentlich immer rechnen, wenn wir etwas ändern wollen. Das System versucht schlicht und einfach den Status quo zu erhalten. Denn sich zu ändern ist mit Aufwand verbunden. Wir verlieren etwas Gewohntes und wissen nicht, ob das Neue das wert ist. Deswegen rechnen Veränderungsmanager in Unternehmen mit Gegenwind, wenn Sie einen Change-Prozess anstoßen. Der Widerstand ist sogar elementarer Teil der Veränderung.

Lernen aus dem Nein: Was das Kind gewinnt

Das Kind lernt aus Ihrem Nein eine ganze Menge. Die Sache, um die es vordergründig geht, ist dabei langfristig völlig unerheblich. Um beim Beispiel mit der Spülmaschine zu bleiben: Natürlich lernt das Kind, wie es einen Geschirrspüler aus- und einräumt. Es lernt aber weiterhin in diesem Beispiel, dass es eine Aufgabe in der Familie zu übernehmen hat – und übernehmen darf! Und vor allem lernt es von Ihnen, Nein zu sagen, also zu sich und seinen Grenzen zu stehen. Und wie das geht, wenn ich mich in einer Beziehung behaupte.

Starke Eltern helfen ihren Kindern stark zu werden

Es ist unglaublich wichtig, zu wissen, dass und wie ich Nein sagen kann – gerade in engen Beziehungen. Diese Fähigkeit braucht das Kind, der Jugendliche oder die Erwachsene, um sich abzugrenzen und sich zu schützen. Zwei Beispiele: Sei es die 14-Jährige die Nein zu ihrem ersten Freund sagt, der mit ihr schlafen will. Oder der 18-Jährige, der Nein zu seinen Freunden sagt, die ihn zu einem Schnaps überreden wollen.

Wenn wir Nein sagen können zu dem Verhalten und gleichzeitig Ja sagen können zu dem Menschen – dann sind wir weit gekommen.

Viel Spaß bei Ihrem nächsten Nein.

Literaturtipps

Jesper Juul: Nein aus Liebe, Klare Eltern – starke Kinder, Kösel, 2008

Peter Schellenbaum: Das Nein in der Liebe, Abgrenzung und Hingabe in der erotischen Beziehung, dtv, 1984

 

 

 

 

Wie viel Spielzeug ist sinnvoll?

Bild: Regal voller Spielzeug. Text: Wie viel Spielzeug ist sinnvoll?Fördert Spielzeug die Fähigkeiten meines Kindes oder blockiert es seine Fantasie? Was mach ich, wenn das Kinderzimmer vor Zeug überquillt? Was miste ich aus – und darf ich das ungefragt? Oder muss ich das Kind fragen? Hilfe und Tipps zur Spielzeugflut.

Am Spielzeug scheiden sich die Geister. „Ich hasse Spielzeuge. Spielzeug ist eine Plage“, schreibt Tom Hodgkinson in dem lesenswerten Buch Leitfaden für faule Eltern. Auch wer nicht so weit geht, steht mitunter hilflos von der Spielzeugflut im Kinderzimmer.

Ist Spielzeug überhaupt sinnvoll?

Ich bin überzeugt Kinder brauchen kein Spielzeug. Zumindest kein gekauftes Spielzeug. Kinder brauchen hingegen Raum und Zeit zu spielen. Kinder brauchen Menschen, die mit ihnen spielen. Spielen ist lernen.

 

So hängen spielen und lernen zusammen

Beim Thema Lernen denken viele erstmal an die Schule. Dieses Lernen durch Unterweisung durch andere ist tatsächlich wichtig und bedeutsam für den Menschen. Dennoch gibt es zwei weitere Arten des Lernens, die häufig vergessen werden.

Es sind die Lernarten, die sich vor allem im Spiel zeigen: Erstens das soziale Lernen, bei dem Kinder im Rollenspiel Verhalten nachahmen. Und zweitens das objektorientierte Lernen, bei dem Kinder mit Gegenständen spielen. Bei beiden Arten des Spiels können Kinder Spielzeug verwenden – müssen sie aber nicht!

„In uns allen gibt es einen angeborenen heiligen Glauben an die Ernsthaftigkeit des Spiels, welcher leider oft von Erwachsenen kaputt gemacht wird, die nicht verstehen, dass Spiel immanent für das Lernen ist“

Katja Seide, gewuenschtestes-wunschkind.de

 

Bild: Stifte. TExt: Was hilft gegen die Spielzeugflut?

Toll sind Geschenke, die sich verbrauchen – wie Stifte, Kreide, Bastelmaterialien, Luftballons oder Seifenblasen.

Zeug zum Spielen versus Spielzeug

Eltern von Kleinkindern kennen das: Das teure Spielzeug zum Stecken und Bauen steht ungenutzt im Kinderzimmer, während das Kind hingebungsvoll die Küchenschubladen ausräumt.

Das erste Missverständnis ist das Kinderzimmer: Die wenigsten kleinen Kinder wollen allein in ihrem Zimmer hocken. Kinder lieben es bei ihren Eltern zu sein: „Wenn Mama oder Papa in der Küche sind, dann will ich natürlich bei ihnen sein!“

Das zweite Missverständnis: Kinder wollen das machen, was die Großen machen. Und sie wollen es richtig machen. Deswegen lieben sie es mit echten Töpfen, Dosen und Löffeln zu spielen. Unsere fünfjährige Tochter wünscht sich daher zu Weihnachten einen echten Arztkoffer – mit allen echten Dingen, die eine echte Ärztin braucht.

„Things that stop your dreaming“

Passenger

 

Die Lösung: komplett spielzeugfrei? Kampf dem Kommerz?

Tom Hodgkinson geht so weit und sagt: „Je weniger Spielzeug, desto besser. So wird Ihr Kind unverdorben und reich an Fantasie sein.“ Also besser überhaupt kein Spielzeug? Ich find das eine sehr weitgehende Forderung – und daher anstrengend.

Der Wert von Spielzeug

Ja, Kinder brauchen kein Spielzeug und ja, Kinder brauchen Gegenstände zum Lernen. Es ist aber völlig okay, wenn diese Gegenstände – „zufällig“ – Spielzeug sind. Das heißt Spielzeug ist nicht per se „schlecht“. Sehr kleine Kinder möchten zum Beispiel möglichst verschiedene Gegenstände in den Mund nehmen. Remo Largo sagt: „Jeder ungefährliche Gegenstand, für den sich ein Kind interessiert, ist daher ein Spielzeug.“

Welche Art von Spielzeug ist denn nun sinnvoll?

Welches Spielzeug für welches Kind sinnvoll ist, lässt sich pauschal nicht beantworten. Es hängt ganz einfach vom Kind ab. Kinder sind unterschiedlich. Selbst gleichaltrige Kinder weisen meist einen völlig unterschiedlichen Entwicklungsstand auf. Welches Spielzeug für Ihr Kind gerade wichtig ist, zeigt das Kind selbst sehr deutlich: Damit beschäftigt es sich gerade.

Lernspielzeug: Oder wie fördere ich mein Kind?

„Fördern ist das Schlimmste, das man machen kann“, sagt der Hirnforscher Gerald Hüther. Das mag provokant sein, trifft aber den Punkt. Das Kind entscheidet, wann es sich entwickelt. Und das heißt in der kindlichen Welt, wann es was spielerisch erforscht.

Da ich die Diskussion ums Fördern gerade letztens wieder hatte: Ja, Sie können dem Kind etwas anbieten. Aber das Kind entscheidet, ob es schon so weit ist. Und nein, Sie können nicht die Entwicklung beschleunigen. Sie können nicht bestimmen, wann Ihr Kind anfängt zu sprechen, zu laufen oder zu schreiben. Das entscheidet ihr Kind.

Was kann ich denn als Eltern überhaupt noch tun?

Ist die Rolle der Eltern dann überflüssig? Ist es völlig egal, was ich an Spielzeug kaufe? Nein, natürlich nicht. Ihre Aufgabe ist es, meines Erachtens, ihr Kind zu begleiten. Das heißt es aufmerksam zu beobachten. Wenn Sie sehen, dass ihr Kind mit einem Spiel „durch“ ist, dann können Sie ihm etwas Neues anbieten.

„Spielzeug bedeutet die Umwandlung von Spiel in Ware“

Tom Hodgkinson

 

Foto: Ärztliche Instrumente. Text: Was Kinder wirklich spielen wollen?

Unsere Tochter wünscht sich zu Weihnachten „echte Arztsachen“ – Kinder wollen am Leben der Erwachsenen teilhaben.

Was ist mit pädagogisch wertvollem Spielzeug?

Dem kindlichen Gehirn ist es völlig egal, ob es ein teures ergonomisch durchdachtes Greifspielzeug eines Markenherstellers bekommt oder einen billigen Löffel vom Ein-Euro-Shop. Es will eine Form erkunden, mit Mund, Fingern und Augen.

Wahrscheinlich ist der Löffel für das Baby viel spannender, da es ein Gegenstand ist, den auch Mama und Papa benutzen. Im Gegensatz zu dem ergonomisch durchdachten Greifspielzeug, das die Eltern so gut wie nie verwenden ;-). Aber genug der Spielzeugschelte: Für das Kind ist vor allem wichtig, dass es überhaupt eine Form erkunden darf.

Wie viel Spielzeug darf ein Kind maximal haben?

Um die Frage nach dem „Wie viel?“ zu beantworten, gibt es meines Erachtens nur zwei Instanzen, die Sie bemühen dürfen: Sich selbst und Ihr Kind. Wie viel ist denn für Sie okay? Wann ist es Ihnen zu viel? Und wie sieht das mit Ihrem Kind aus? Kann es diese Menge bewältigen?

Darf Spielzeug in jedem Raum der Wohnung sein?

Auch bei der Frage, ob Spielzeug sich in der ganzen Wohnung verteilen darf, ist Ihre Meinung gefragt! Bei uns findet sich tatsächlich in jedem Zimmer Spielzeug. Das ist für uns okay, denn wir wohnen alle in der Wohnung.

Spielzeug ist nun mal der Stempel, den unsere Kinder der Wohnung aufdrücken. Selbst im Bad steht ein Playmobil-Schiff samt Besatzung – aber halt auch nur ein Schiff. Das ist meine Grenze. Die anderen Schiffe müssen, nachdem sie die gefährliche Badewannen-See durchmessen haben, wieder zurück ins Trockendock.

Ausmisten? Wenn ja, wie?

Ausmisten halte ich für sinnvoll. Wer kein riesiges Haus sein eigen nennt, wird da schon platztechnisch zu gezwungen. Dinge auszusortieren und wegzugeben ist in meinen Augen eine wertvolle Lektion: Es lehrt, dass materielle Werte nicht so wichtig sind.

Ausmisten: Die Kinder fragen?

Kleine Kinder sind in der Regel überfordert auszuwählen, was raus oder in den Keller soll. Und solange Kinder „meins“ oder „deins“ noch nicht unterscheiden können, ist die Frage eh überflüssig: Das Kind betrachtet einfach alles als „seins“.

Es macht allerdings ein Unterschied, ob ich die Holzeisenbahn einfach nur ungefragt im Keller oder auf dem Speicher „parke“ oder sie gleich verschenke. Mit größeren Kindern geht das Auswählen schon eher. Sie verstehen, dass die Sachen nur für eine Weile aus dem Kinderzimmer verschwinden.

Größere Kinder schätzen es, wenn sie gefragt werden. Wenn sie selber auswählen dürfen. Trotzdem kann das gerade bei den ersten Malen noch schwierig sein. Haben Sie Geduld und helfen Sie Ihren Kindern.

Bild: Kiste voller Spielzeug. Text: Spielzeug: Wie miste ich aus?

Systemspielzeug wie Lego überzeugt nicht nur beim Spielen (unterschiedliche Produkte können immer wieder frei und neu kombiniert werden), sondern auch beim Ausmisten: Das Spielzeug ist begeht und leicht zu verkaufen.

 

Was tun mit dem alten Zeug?

Auch wenn ich dafür bin, nicht zu sehr an materiellen Dingen zu hängen – einen gewissen Respekt vor Dingen finde ich wichtig. Also bevor Sie Spielzeug wegwerfen, geben Sie es doch weiter, also verschenken Sie es oder verkaufen es. Unser Sohn breitet regelmäßig eine Decke vor dem Haus aus und verkauft alte Bücher oder abgelegtes Spielzeug. Übrigens verkauft er auch unsere Bücher – gegen eine Provision, versteht sich.

Wenn das Kinderherz an Dingen hängt

Wichtig ist zu sehen, wenn Kinder an etwas besonders hängen. Manche Kinder brauchen etwas, an dem sie sich im wahrsten Sinne des Wortes festhalten können: Das Schnuffeltuch oder der Lieblings-Teddy. Diese Dinge helfen Kindern den Übergang von den nahen Bezugspersonen zur Selbständigkeit zu schaffen. Sie heißen deswegen Übergangsobjekte. Sie vermitteln Kindern Sicherheit und Geborgenheit.

Daher: Lassen Sie Herzensdinge wie Lieblings-Teddy oder –Puppe unbedingt den Kindern!

Müssen Bücher aussortiert werden?

Kinder brauchen keine Bücher – und das sage ich als Buchliebhaber. Kinder brauchen Geschichten und Menschen, die ihnen Geschichten erzählen (okay, oder vorlesen). Der Vorteil von Büchern ist, dass das Kind sich die Geschichte selbst erschließen kann. Anfangs erlebt das Kind die Geschichten noch anhand von Bildern nach, später beginnt es selbst zu lesen. Also wenn Sie mich fragen: Ja, geben Sie Ihren Kindern um Himmels Willen Geschichten – auch in Buchform!

Wenn der Platz nicht mehr ausreicht oder Bücher nicht mehr gelesen werden, dann können sie auch weg. Bücher an sich haben keinen Wert. Es kommt darauf an, was darin steckt und wie viel es mir bedeutet.

Viel Spaß beim Ausmisten

So und nun wünsche ich Ihnen viel Spaß beim Ausmisten – denn die nächste Geschenke-Welle steht ja schon vor der Tür.

Und vergessen Sie bei allem Ausmisten nicht das Wichtigste: Spielen Sie mit Ihren Kindern!

Weiterführende Links

Wer so richtig ausmisten will, findet auf dem Blog Spielzeugfreies Kinderzimmer mehr als genügend Anregungen, Hilfe und Tipps.

In dem ausführlichen Interview auf einerschreitimmer.de erklärt Sonderpädagogin Katja Seide (bloggt selbst auf gewuenschtestes-wunschkind.de) ausführlich, die Entwicklungsphasen im Spiel kleiner Kinder und welche Spielzeuge hilfreich sind.

 

Bücher

Remo H. Largo: Kinderjahre, Die Individualität des Kindes als erzieherische Herausforderung, Piper Verlag GmbH, München, 1999, 2008

Tom Hodgkinson: Leitfaden für faule Eltern, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbeck bei Hamburg, 2009, 2011

Für Kinder: Weihnachtsgeschichte zum Hören & Lesen

Keine Zeit in der Adventszeit? Geschichten zu hören sind eine gute Möglichkeit zu Ruhe zu kommen. Ich schenke Ihnen daher eine kleine Weihnachtsgeschichte – zum Hören (als MP3-Mini-Hörbuch) oder zum selber Vorlesen.  

Es geht auf Weihnachten zu: die letzten Geschenke besorgen, das Fest planen, Weihnachtskarten schreiben, Plätzchen backen – und bei dem ganzen Trubel wird es manchmal eher stressig als besinnlich. Eine Geschichte mit den Kindern hören oder selber vorlesen bringt Ruhe in den Adventsalltag.

MP3-Hörbuch und PDF zum Ausdrucken

Sie können die Geschichte direkt hier auf der Seite abspielen oder sich als MP3 runterladen. Zusätzlich stell ich Ihnen die Geschichte als PDF zur Verfügung, wenn Sie sie lieber ausdrucken und selber lesen wollen.

Alles dazu auf meiner Weihnachtsgeschichten-Seite.

Im Moment bleiben, wenn die Gedanken kreisen: Mich auf Kinder einlassen

Wie kann ich mich ganz auf mein Kind einlassen? Diese Frage stellte mir letztens ein Vater. Er spürt, wie seine Gedanken abschweifen, wenn er mit seinem Kind zusammen ist. Dabei möchte er sich auf das Kind einlassen. Doch im Kopf plant er schon den nächsten Tag oder ärgert sich über etwas, was passiert ist. Dazu ein paar grundlegende Gedanken und konkrete Tipps.

Nicht bei den Kindern zu sein oder nicht ganz bei der Sache zu sein ist, weit verbreitet. Ich gehe soweit zu sagen: Die meisten von uns sind nicht bei der Sache.

Nebenbei etwas anderes tun – keine gute Idee

Gerade hab ich mich erwischt: Während ich diesen Artikel schrieb, aß ich beiläufig ein paar Haselnüsse. Ich schob mir eine Nuss nach der anderen in den Mund. Die erste Nuss hatte ich noch gar nicht zu Ende gekaut, da kam schon die zweite Nuss. Ich war nicht bei der Sache – zumindest nicht bei der Sache „essen“.

Unsere Aufmerksamkeit zersplittert

Wenn ich mehrere Dinge gleichzeitig tue, ist meine Aufmerksamkeit geteilt. Wir erledigen viele Dinge gleichzeitig. Es muss ja schnell gehen. Damit sind wir nicht allein. Diese Rastlosigkeit ist in unserer Gesellschaft weit verbreitet: Die morgendlichen 80 neuen WhatsApp-Nachrichten oder E-Mails sind nur die Spitze des Eisbergs. Dass sich unser Leben beschleunigt hat, hat lange vor den digitalen Medien begonnen. Ich will in diesem Text aber nicht nach Ursachen suchen, sondern nach Lösungen.

Tatsache ist: Vielen von uns fällt es schwer im Moment zu bleiben. Den Moment zu genießen und wahrzunehmen. Das Gute ist: Wir könnten das (wieder) lernen!

Wenn meine Gedanken rasen, ich mir Sorgen mache über die Zukunft oder über die Vergangenheit nachdenke, verpasse ich den Moment. Das wird besonders deutlich, wenn ich mit Kindern zusammen leben. Kinder, vor allem sehr kleine Kinder leben im Moment. Sie lassen sich nicht so leicht in ein Korsett aus Plänen pressen – zum Glück!

Kinder kämpfen für den Moment

Unsere Tochter ist fünf, sehr wild, lebenslustig und geht gerne in den Kindergarten. Dennoch gibt es morgens manchmalKnatsch, wenn sie in den Kindergarten muss. An einem bestimmten Punkt muss sie fertig sein, damit meine Frau noch die Bahn bekommt. Und dieses „Muss“, diesen Druck spürt unsere Tochter nur zu gut. Sie sagt dann nein – auf ihre Weise.

Kinder spüren also sehr gut, wenn wir nicht im Moment sind. Und sie spüren, wenn wir sie aus dem Moment rausholen wollen. Kinder sind gute Zeichengeber.

So war es auch bei dem Klienten, wenn er merkte, dass seine Aufmerksamkeit abschweifte. Und wie gut, dass er es merkte. Viel zu oft merken wir es nicht.

Um aus dem Kreisen der Gedanken herauszukommen und wieder in den Moment zu kommen, helfen zwei Dinge: die Gedanken loslassen und sich auf den Moment einlassen. Beides geht Hand in Hand. Wenn das eine erfüllt ist, ist das andere da. Er sind zwei Türen zum selben Zimmer.

Gedanken loslassen

Wie das geht? Die Aufmerksamkeit zu trainieren ist eine Möglichkeit. Meditation bietet sich hier an. Nur: das kann auch gerade der falsche Weg sein. Zumindest am Anfang. Wenn meine Gedanken immerfort kreisen und ich mich still hinsetzen soll, werden meine Gedanken wahrscheinlich weiter kreisen. Meiner Erfahrung nach macht es das nicht leichter. Daher empfehle ich an dieser Stelle erst einmal mehr in den Körper zu gehen.

Den Körper auspowern

Auspowern lautet meine Empfehlung. Viele kennten diese Erfahrung aus dem Sport: Ob ich mit Kopfschmerzen zum Aikido gehe oder mit Sorgen anfange zu joggen, nach einer Weile fällt alles von mir ab! Ich bin im Moment.

Die körperliche Betätigung bringt uns zurück in den Körper. So banal das klingt, so hilfreich ist es dennoch. Nur wie baue ich das in meinen engen Tagesplan ein?

Das 3-Minuten-Mini-Workout

Soll ich immer erste eine Runde joggen gehen oder ins Fitnessstudio, wenn ich mit den Kindern spielen will? Nein und ja: Ich kann mich auch mal kurz auspowern. Beispiel Treppen: Die gibt es in fast jedem Haus – Bungalows mal ausgenommen. Fünf oder notfalls 20 mal die Treppe hoch sprinten, treibt bei den meisten von uns den Plus hoch. Danach sind wir wohlig erschöpft. In diesem Zustand setze ich mich zu meinem Kind und bin ganz da.

Sport und körperliche Betätigung helfen mir loszulassen – sowohl im konkret Moment als auch langfristig. Deswegen mein Tipp: Bewegen Sie sich. Und am besten regelmäßig!

Einlassen auf den Moment – und den anderen

Neben dem Loslassen kann ich auch üben mich einzulassen. Damit meine ich die Aufmerksamkeit zu schulen. Es gibt dazu zahlreiche Übungen. Ich empfehle hier tatsächlich in kleinen Schritten mehr Bewusstheit zu üben – und zu meditieren. Mehr zu Meditation ein anderes Mal.

Bewusst leben – die ersten Schritte

Es geht darum bewusst zu leben. Das heißt: Die Haselnuss, die ich kaue, bewusst zu schmecken. Bewusst spüren, wie die Nuss unter meinen Zähnen birst. Die einzelne Nuss bewusst zu Ende zu kauen. Bewusst zu warten, bis der Mund leer ist, das letzte Nusskrümmelchen verschwunden ist. Bewusst zu spüren, ob ich noch Hunger habe. Bewusst mich zu entscheiden: ich esse weiter oder ich höre auf.

Durch solche kleinen Übungen lerne ich bewusst zu sein. Ich lerne mich auf den Moment und damit auf mein Kind einzulassen.

Lese-Tipps

Daniel Goleman: Konzentriert euch! Eine Anleitung zum modernen Leben.
Der Psychologe Goleman, Autor des Bestseller „EQ. Emotionale Intelligenz“, beschreibt hier, wie die Digitalen Medien unsere Konzentrationsfähigkeit stören und zerstören können. Und: Er gibt grundlegende Ansätze und Lösungsmöglichkeiten.

Lautes Kinderspiel: Wie ich mit Reframing Kreischen etwas Positives abgewinne

Aus jeder Herausforderung machte Pipi Langstrumpf ein Spiel. Ein tolles Vorbild für Kinder und Eltern. Doch wenn meine Kinder am Ende eines langen Tages schreiend durch die Wohnung toben, ist es mit meiner langstrumpfigen Ruhe schnell vorbei. Ist halt nur eine Geschichte? Von wegen – im „Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt“ liegt eine große Weisheit und Fähigkeit. Reframing heißt die Technik, die Coaches und Therapeuten gerne einsetzen – und die Sie auch nutzen können.

Was ist Reframing?

Reframing bedeutet etwas umzudeuten oder um im englischen Sprachbild zu bleiben: einen neuen Rahmen zu schaffen. Oft reicht ein einzelnes Wort, um eine Aussage zu verändern. Aus einem „Ich kann das nicht“ spricht Hoffnungslosigkeit. Ergänzt um das Wort „noch“ wird daraus „ich kann das noch nicht“ und gleich ist die Hoffnung da, es doch irgendwann zu können.

Schreien und Toben: Wenn sich bei Eltern der Frust aufbaut

Nach dem Abendbrot sitzen meine Frau und ich am Tisch und unterhalten uns. Die Kinder spielen. Eigentlich sollten sie Zähneputzen. Und eigentlich sollten sie sich umziehen und eigentlich schon im Bett liegen. Stattdessen spielen sie – oder streiten sie? Auf jeden Fall kreischen und brüllen beide wie am Spieß! Unterm Strich: Ziemlich viel Krach. Zu viel. Ich versteh mein eigenes Wort nicht mehr. Ich werde wütend und denke: „Meine Güte, sind die anstrengend, können die nicht mal Rücksicht nehmen?“

Schreien: Rücksichtslos oder selbstbewusst?

Wenn ich meine Kinder als anstrengend und rücksichtslos sehe, beschreibe ich meine Kinder als defizitär. Ich spüre, dass ihnen etwas fehlt – in dem Fall: Rücksicht. Ich kann das laute Schreien beim Spiel aber auch völlig anders sehen. Sage ich mir: „Wow, wie viel Energie die noch am Ende eines Tages haben!“ schwingt in dem Satz schon Bewunderung mit. Oder wenn ich denke, dass das laute Spielen ja auf ein großes Selbstbewusstsein hinweisen könnte, werde ich vielleicht sogar stolz auf mein Kinder. Ich vertraue ihnen, dass sie auch in Zukunft ihre Interessen kraftvoll durchsetzen können.

Reframing und alles wird gut?

Beim Reframing ändert sich erst einmal nur meine Sichtweise und Bewertung der Situation. Denn nur dadurch, dass ich plötzlich stolz auf meine schreienden Kinder bin, hören die ja nicht auf zu schreien – oder?

Tatsächlich bewirkt mein Perspektivwechsel etwas: Ich gehe nämlich ganz anders auf meine Kinder zu. Es macht – meiner Erfahrung nach – einen himmelweiten Unterschied, ob ich ruhig und stolz mein kreischendes Kind einfange und zu Bett bringe oder ob ich dabei unter Strom stehe. Wie gesagt: Es kann gut sein, dass das Kind noch eine Weile weiterschreit – nur mir fällt es viel leichter, damit umzugehen. Es soll aber auch schon vorgekommen sein, dass das Kind sich schneller beruhigt hat.

Woher kommt Reframing?

Reframing ist eine Technik aus der systemischen Arbeit. In Coaching und in Therapie ist es ein Mittel, um einen Perspektivwechsel einzuleiten. Die gleiche Situation wird plötzlich aus einem anderen Blickwinkel betrachtet und bewertet: So wird aus dem Quasselkasper ein Kind, dass sich gern und umfangreich mitteilt.

Eine Grundlage des Reframing ist der Konstruktivismus. Paul Watzlawick, einer der Väter des Konstruktivismus in der Therapie, meinte, dass jeder sich seine eigene Wirklichkeit konstruiert. „Aber es ist doch eine Tatsache, dass …“ mag der ein oder andere einwenden und sagen, dass die Wirklichkeit für alle gleich ist. Watzlawick unterschied daher zwischen zwei verschiedenen Wirklichkeiten:

Verschiedene Wirklichkeiten

Wirklichkeiten erster Ordnung sind Wirklichkeiten, die objektiv messbar sind. Also zum Beispiel wie schwer meine Tochter ist. Oder wie lange mein Sohn am Stück geredet hat. Trefflich darüber streiten lässt sich aber, ob es mir zu anstrengend ist meine Tochter in die Luft zu werfen, oder ob mein Sohn zu lange gesprochen. Das alles sind meine persönlichen Erfahrungen und Bewertungen. Oder um mit Watzlawick zu sprechen: Es sind Wirklichkeiten zweiter Ordnung, denn wir erfahren sie subjektiv.

Ein großer Teil unserer Probleme und Herausforderungen liegen im zwischenmenschlichen Bereich und sind damit Wirklichkeiten zweiter Ordnung. Zum Glück: Denn diese sind veränderbar über unsere Wahrnehmung, Einstellung und Kommunikation. Und genau hier setzt Reframing an!

Um das Beispiel vom Anfang wieder aufzugreifen: Die Zeit nach dem Abendbrot erlebten meine Kinder und ich völlig anders! Während ich genervt das Kreischen und Brüllen als rücksichtslos bewertete, erlebten meine Kinder in ihrer Wirklichkeit ein spannendes Abenteuer. In dem war meine Tochter eine edle Prinzessin, die kreischend vor einem brüllenden Schneeungeheuer floh – letzteres äußerst überzeugend dargestellt von meinem Sohn.

Nicht zu vergessen: Meine Frau war ja auch anwesend an diesem Abend und sah, ganz die erfahrene Sozialpädagogin, wieder etwas anderes: einen 10-Jährigen, der kompetent und kreativ mit seiner fünf Jahre jüngeren Schwester spielte, und eine 5-Jährige, die sich der komplexen Erzählstruktur und der Führung des Älteren anvertraute. Wie unterschiedlich wir doch ein und die selbe Situation erlebten!

Voraussetzungen für Reframing

Reframing setzt voraus, dass ich dem anderen eine positive Absicht unterstelle. Ich betrachte ihn liebevoll. Ich nehme an, dass jedes Verhalten:

  1. zielgerichtet ist,
  2. eine positive Absicht hat und
  3. zielführend in mindestens einem Zusammenhang ist.

Oder anders ausgedrückt: Jedes Verhalten ist oder war zumindest zu einem bestimmten Zeitpunkt und in einer bestimmten Situation für etwas gut. Das beinhaltet natürlich auch, dass ein Verhalten zu einem andern Zeitpunkt und in einer anderen Situation eher hinderlich als förderlich ist. Denn wenn ich das laute Spiel meiner Kinder jetzt positiv sehe, so heißt das doch nicht, dass ich darauf verzichte, weiterhin mit ihnen auch Ruhe und Zuhören zu üben.

Fotos eines unordentlichen Kinderzimmers. Text: Kinder sind Experten für Abenteuer

Wenn ich Reframing einsetze, heißt das nicht, jede unangenehme Situation umzudeuten und jedem Konflikt aus dem Weg zu gehen. Eltern sollten meines Erachtens das Heft in der Hand behalten – mehr zur elterlichen Präsenz demnächst in einem weiteren Blogpost.

Wie geht Reframing konkret?

Der erste Schritt ist, dass ich, wie oben beschrieben, im Verhalten (des anderen oder bei mir) eine positive Absicht annehme. Ich verändere also meine innere Haltung. Der zweite Schritt ist dann ganz konkret mich zu fragen: Wofür ist das gut?

Wofür ist das gut?

„Klar, toben und spielen ist natürlich für was gut – für körperliche und geistig Entwicklung oder so“, sagt jetzt der aufgeklärte Vater, bevor er fortfährt: „Aber manche Angewohnheiten sind einfach nur lästig. Dafür finde ich beim besten Willen keine positive Erklärung.“ Meine Antwort: Ist auch gar nicht notwendig. Es ist zumindest nicht notwendig eine Erklärung zu finden, die erklärt, wie und wieso es dazu gekommen ist. Beim Reframing dürfen Sie fantasieren, was das Zeug hält. Es gilt vielmehr eine neue, hilfreiche Beschreibung zu erfinden. Und ja, die darf sogar lustig sein.

Lachen erlaubt

Apropos lustig: Witze sind oft nichts anderes als ein Reframing. Als Beispiel ein Klassiker: Ein Tourist quält sich in den Alpen den Berg hinauf. Als er einen Einheimischen trifft, sagt dieser: „Grüß Gott.“ Darauf der erschöpfte Wanderer: „Oh nein, soweit steig ich nicht mehr hoch.“

Das Reframing ist verständlich: Der Tourist deutet das „Grüß Gott“ nicht als den gebräuchlichen Gruß, sondern nimmt es wortwörtlich.

Grenzen von Reframing

Es gibt auch Grenzen fürs Reframing. Dabei ist das nicht so sehr die Frage ob bestimmte Themen wie Trauer nicht fürs Reframing geeignet sind, sondern eher nach dem Wie und Wann. Ein Beispiel: Die erste Freundin hat sich vom Sohn getrennt und dieser versinkt im Liebeskummer. Wie schnell sind manche Erwachsene dabei zu vertrösten oder abzuwiegen, in der vermeintlich guten Absicht dem Kind Schmerz und Trauer zu ersparen.

Doch „Das wird schon wieder“ oder „andere Mütter haben auch schöne Töchter“ wirkt gerade zu Beginn eher verletzend. Der Trauernde – und Liebeskummer ist eine Art des Trauerns – fühlt sich schlichtweg weder gesehen noch in seiner Trauer angenommen. Trauern ist ein Prozess und der lässt sich nicht abkürzen. In einem frühen Stadium des Trauerns ist vor allem ein liebevolles und verständnisvolles Annehmen hilfreich.

Das Timing zählt

Mit Abstand kann der Trauernde dann zu einer Erkenntnis kommen und das Erlebte neu deuten – ein verbreitetes Reframing lautet ja: „Wie gut, dass das mit uns nicht geklappt hat, sonst wäre ich mit meiner neuen Freundin nicht zusammen.“ Das heißt: Fürs Reframing ist der Zeitpunkt entscheidend.

Reframing heißt: Sinn geben

Zusammengefasst bedeutet Reframing also den Dingen einen Sinn zu geben – und zwar einen positiven Sinn. Der Sinn muss dabei nicht im logischen Sinne Sinn machen. Es darf auch kreativ, verdreht und humorvoll sein. Ja, ich bin überzeugt: Je witziger, desto hilfreicher.

Und jetzt Sie!

Probieren Sie es aus! Wichtig beim Reframing ist wie bei allen Methoden: Schauen Sie, wie es Ihnen damit geht! Hilft es? Oder wirkt es eher aufgesetzt? Wenn Sie sich unwohl fühlen, dann versuchen Sie lieber etwas anders! Es soll helfen und Ihnen eine neue Möglichkeit geben, Herausforderungen leichter zu bewältigen.

Foto: inkje / photocase.de; Christopher End