Trotzphase und Autonomiephase: Selbständig und starke Gefühle

"Die Autonomiephase/Trotzphase: Wieso trotz mein Kind so?" Zeichnung eines wütenden Kindes

Die Engländer nennen es die Terrible Twos, die schrecklichen Zwei. Die Rede ist von der Trotzphase oder besser gesagt der Autonomiephase. Die beginnt in der Regel im zweiten Lebensjahr und endet ungefähr mit dem fünften Lebensjahr. Die Kinder werden in dieser Zeit autonomer, das heißt selbständiger. Viele Eltern fürchte diese Zeit, da sie teilweise mit heftigen Gefühlsausbrüchen der Kinder einhergeht – und manchmal auch der Eltern. 😉

Wieso soll es nicht Trotzphase, sondern Autonomiephase heißen?

Der Begriff Trotzphase ist heute dem Begriff Autonomiephase gewichen. Denn Trotz hat mittlerweile einen negativen Beigeschmack: Es klingt, als würden die Kinder gegen die Eltern rebellieren. Als würden sie sich dem elterlichen Willen entgegensetzen – vielleicht sogar aus reiner Boshaftigkeit? Aus der Forschung wissen wir, dass diese Phase aber erstens ein völlig normaler und wichtiger Schritt in der kindlichen Entwicklung ist. Und zweitens reagieren die Kinder nicht so wütend oder gar aggressiv, weil sie den Eltern schaden wollen, sondern weil sie schlicht und einfach nicht anders können!

Der Begriff Autonomiephase beschreibt treffender, was eigentlich passiert: Das Kind löst sich von der Hauptbezugsperson, meist der Mutter, und wird selbständiger. Dieser Ablöseprozess ist jedoch anstrengend – für alle Seiten.

Von Rittern und Burgen oder: Wieso ich Trotz trotzdem mag

Ich persönlich kann tatsächlich dem Begriff Trotz und Trotzphase etwas Positives abgewinnen. Denn das Wort ist mit dem Wort Trutz eng verwandt. Eine Trutzburg war im Mittelalter eine wehrhafte Verteidigungsanlage. Die Vorstellung, dass mein Kind lernt wehrhaft und stark zu sein wie eine Burg voller Ritter, gefällt mir als Fantasy-Fan außerordentlich gut.

Vor rund einem Jahrhundert kannte man übrigens noch zwei Trotzphasen. Die zweite war schlicht das, was wir heute Pubertät nennen. Im Umkehrschluss bezeichnen manche Autoren heutzutage die Autonomiephase auch als „kleine Pubertät“. Wie es nun auch heißt – beides sind wichtige Entwicklungsschritte unserer Kinder.

"Die Autonomiephase/Trotzphase: Jetzt kann ich alles alleine!" Zeichnung eines Kindes und eines Erwachsenen

Warum ist die Autonomiephase/Trotzphase so schwierig?

Sich zu lösen, ist anstrengend. Das grundlegende Dilemma des Kindes gleicht kurz gefasst folgendem inneren Dialog: „Ich brauch die Mama nicht mehr – Hilfe, wo ist Mama?“

Um selbständig zu werden, müssen sich Kinder aus der Symbiose lösen, in der sie sich vor der Geburt und auch größtenteils nach der Geburt noch gefühlt haben. Jetzt, im Alter von 18 bis 24 Monaten beginnt das Kind sich bewusst selbstwahrzunehmen. Ein Hinweis darauf ist zum Beispiel der Moment, in dem sich das Kind im Spiegel erkennt.

Es ist eine große Veränderung und Veränderungen können zuweilen anstrengend sein. Auf der einen Seite kann sich das Kind jetzt in der Regel selbständig bewegen (also laufen) und mitteilen (sprechen). Auf der anderen Seite reicht das nicht, um alle seine Wünsche und Ideen auch umzusetzen. Im Gegenteil – an vielen Stellen scheitert das Kind. Noch.

Frustration: Scheitern der Kommunikation – oder Geschrei um einen Apfel

Oft versucht das Kind seinen Eltern etwas mitzuteilen, wird aber missverstanden. Zum Beispiel möchte ein Kind eine Erdbeere. In seinem aktiven Wortschatz taucht die Erdbeere noch nicht auf. Das Kind bezeichnet schlicht alle Früchte als Apfel. Es weiß aber schon, dass es viele verschiedene Früchte gibt. Also konkretisiert es seinen Wunsch um die Farbe „rot“. Herauskommt: „Apfel rot.“

Die Mutter ist erfreut über ihr sprachgewandtes Kind und gibt ihm wie gewünscht einen roten Apfel. Das Kind schaut verständnislos auf den Apfel, schüttelt den Kopf und sagt: „Apfel rot!“ Die Mutter erklärt: „Genau, der Apfel ist rot, mein Schatz.“ Daraufhin wird das Kind lauter und wiederholt: „Nein, Apfel rot.“ Die Mutter ist inzwischen leicht genervt, reißt sich aber zusammen und zeigt den Unterschied: „Schau, dieser Apfel ist rot. Und das ist ein grüner Apfel.“ Das Kind ist ebenfalls genervt, da ihm seine Mutter jetzt zwei Äpfel statt die gewünschte Erdbeere gibt. Es nimmt einen Apfel, schmeißt ihn auf den Boden und schreit. Die Mutter steht ratlos daneben.

Frustration: Scheitern an Verboten und Grenzen – das teure Handy

Ob es sich sprachlich ausdrücken will oder die Schuhe binden will, das Kind erlebt in dieser Zeit häufig seine eigene Unzulänglichkeit – und wird traurig oder wütend. Neben diesen inneren Grenzen des eigenen Handelns gibt es noch äußere Grenzen, die das Kind frustrieren können. Es sind zum Beispiel die Gebote und Verbote: Das Kind möchte unbedingt mit dem Handy spielen, mit dem Papa so viel Zeit verbringt. Das Gerät scheint ja wichtig zu sein. Also möchte es das auch haben. Aber Papa nimmt es ihm weg. Das Kind weint bitterlich.

Die Erfahrung, wie fremdbestimmt ich als Kind bin, kann überwältigend sein: Wenn meine Mutter mich einfach packt und wegträgt, obwohl ich klar gezeigt habe, dass ich weiter spielen möchte, dann erfahre ich meine eigene Ohnmacht auch noch körperlich. Ich kann strampeln oder schreien so viel ich will, es hilft nichts, ich bin den Großen ausgeliefert.

Frustration Selbständigkeit: Geh weg, komm her

Eine etwas subtilere Form der Frustration und Ohnmacht ist das Gefühl, wenn ich mich tatsächlich von Mama oder Papa löse. Zum Beispiel sagt das Kind klar „Nein“, als Papa es auf den Arm nehmen will. Es löst sich sogar körperlich aus der Nähe des Vaters, geht ein paar Schritte zur Seite und fängt im nächsten Moment an zu weinen. Nicht wenige Eltern stehen ratlos daneben. Das Kind hat doch seinen Willen bekommen, wieso weint es jetzt? Weil dem Kind plötzlich klar wird, dass es allein ist. Es vermisst die Nähe, die es eben noch abgelehnt hat.

Gleichzeitigkeit der Gefühle kennen auch Erwachsene

Dieses Hin und Her ist für Kinder anstrengend. Und doch gehört es dazu. Wir kennen das auch als Erwachsene noch: Wenn wir zum Beispiel am ersten Tag zu dem neuen Job gehen, auf den wir uns so gefreut habe. In dem Moment, in dem wir durch die Tür gehen, müssen wir kurz schlucken. „Wird alles gut gehen?“, fragen wir uns. Diese Ambivalenz der Gefühle spüren Kinder in voller Stärke. Und sie haben noch nicht die Mechanismen gefunden, um mit diesen Gefühlen umzugehen. Traurigkeit ist da? Dann wird sie ausgelebt!

Was braucht das Kind gerade? Geborgenheit oder Freiheit?

Das Pendeln zwischen dem Bedürfnis nach Geborgenheit und dem Bedürfnis nach Wachstum und Selbständigkeit fordert uns Eltern heraus. Wir sind es, die diese Bedürfnisse unseres Kindes lesen und erfüllen sollen. Nicht immer gelingt uns das auf Anhieb. Und das finde ich auch okay und menschlich. Doch wir haben einen guten Führer auf dieser Reise: Das Kind zeigt uns dabei den Weg.

Fazit: Wieso die Autonomiephase so wichtig ist

Die Autonomiephase ist ein großer Schritt des Kindes hin zur Selbständigkeit. Viele weitere kleine und große werden im Laufe der kindlichen Entwicklung folgen. Wichtig finde ich zu wissen: Trotzreaktionen zwischen dem zweiten und fünften Lebensjahr sind normale Bestandteile der kindlichen Entwicklung. Wie oft oder wie stark diese Trotzreaktionen sind, unterscheiden sich von Kind zu Kind. Während das eine Kind nur beleidigt die Lippe hochzieht, wirft sich das nächste schreiend und strampelnd auf den Boden. Leider können Tobsuchtsanfällen, Weinkrämpfen oder sogar Affektkrämpfen dazu gehören.

Ja, diese Phase kann anstrengend sein. Genau wie eine Schwangerschaft anstrengend sein kann oder wie durchwachte Nächte anstrengend sind. Kinder sind unterschiedlich. Kinder fordern uns als Eltern heraus. Hilfreich finde ich, es so zu sehen: Trotzen ist ein gutes Zeichen. Ihr Kind wird selbständig. Ihr Kind ist auf dem richtigen Weg. Der Kinderarzt und Autor Remo Largo schreibt, dass er es viel schlimmer fände, wenn Trotzreaktionen ausblieben – das könnte ein Zeichen sein, dass die Ich-Entwicklung gestört wäre! Da freue ich mich doch lieber über ein gesundes und schreiendes Kind.

 

PS: Das nächste Mal schreibe ich darüber, was Sie tun können, um mit Wutanfällen in der Autonomiephase (Trotzphase) umzugehen und was Sie besser nicht tun.

 

Literaturempfehlungen

Remo H. Largo: Babyjahre, Die frühkindliche Entwicklung aus biologischer Sicht, Piper

Remo H. Largo: Kinderjahre, Die Individualität des Kindes als erzieherische Herausforderung, Piper

Grenzen in der Erziehung : Was Kinder aus Strafen lernen … 

 Zeichnung eines Erwachsenen, der mit einem Kind schimpft. Text: Was Kinder aus Strafen lernen.

Zwei Wochen Bastelverbot? Was sich auf den ersten Blick lustig anhört, offenbart Abgründe in der Erziehung. Denn das Beispiel stammt aus einem Kindergarten. Leider sind Strafen auch in vielen Familien immer noch an der Tagesordnung. Das Verrückte: Strafen funktionieren. Nur leider nicht so, wie die meisten Eltern sich das wünschen …

Die KiTa streicht einer Vierjährigen Basteln – für zwei Wochen! In der Schule darf eine Elfjährige nicht mehr am Schwimmunterricht teilnehmen. Und zuhause erhält ein Sechsjähriger Stubenarrest. Alles Strafen aus dem Jahr 2017. Kein Wunder: Strafen sind effektiv. Viele Kinder stellen daraufhin das unerwünschte Verhalten ein. Doch der Preis dafür ist hoch.

1.    Wie Strafen wirken

„Eine Strafe muss weh tun.“ Das ist die grundlegende Idee. Strafe ist ein so einschneidender Vorgang, dass sich der Bestrafte daran erinnert und das unerwünschte Verhalten in Zukunft unterlässt. Soweit die Theorie.

1.1.  Strafen verletzen

Im Grundkonzept von Strafe liegt auch gleich ihr größter Nachteil: Sie verletzt den anderen – und zwar bewusst! Dazu kommt die Abhängigkeit des Kindes von den Erwachsenen. Das Machtgefälle verstärkt die Wirkung der Strafe, das heißt der Verletzung noch.

Diese gigantische Abhängigkeit, in der Kinder leben, vergessen wir als Erwachsene häufig. Als Kind bin ich meinen Eltern, aber auch meinen Erziehern oder Lehrerinnen größtenteils ausgeliefert. Merken Erwachsene, dass ihnen Beziehungen schaden, dann können sie diese verändern oder auflösen. Selbst zentrale Beziehungen können sie beenden: sich vom Partner trennen oder scheiden lassen, kündigen oder umziehen. Das können Kinder nicht. Ihr Schicksal liegt in den Händen der Erwachsenen.

Kinder sind von uns Erwachsenen abhängig

So eine absolute Abhängigkeit erfahre ich als Erwachsener eher selten. Dennoch kann ich sie auch spüren. Zum Beispiel wenn ich mich an Vorgesetze oder Behörden wende: Wenn meine Chefin mir nicht den Urlaub im gewünschten Zeitraum genehmigt. Oder wenn mir die Krankenkasse nicht die Kur bewilligt. Wenn ich mir das vergegenwärtige, dann verstehe ich, wieso Kinder oft so absolut frustriert sind, wenn wir nein sagen. Denn unser Nein ist für sie absolut.

1.2.  Strafen schaden der Beziehung

Wie fühlt es sich wohl an, wenn der Mensch, dem ich das größte Vertrauen entgegenbringt, mich verletzt? Überlegen Sie, wie ein grundlegender Streit mit Ihrer Partnerin oder Ihrem Partner war. So fühlen sich Kinder, wenn ihre Eltern sie verletzen – nur ist das Gefühl viel, viel stärker. Strafen belasten also die Beziehung zwischen Eltern und Kind.

Strafen widersprechen den Bedürfnissen des Kindes

Die Strafe verletzt also das Kind besonders und das belastet die Beziehung zu uns Erwachsenen. Unsere Aufgabe ist aber eine ganz andere: Unsere Aufgabe als Eltern, und auch als Erzieherin und Lehrer, ist es die fundamentalen Bedürfnisse des Kindes zu befriedigen. Fundamentale Bedürfnisse sind vor allem Nähe und Sicherheit. Strafen untergraben beides.

1.3.  Das Kind passt sich an

„Aber es funktioniert, ich muss nur einmal ernst blicken, dann gehorchen meine Kinder.“ Diese Aussage habe ich tatsächlich so gehört. Ja, Ihre Kinder gehorchen. Ganz einfach: Sie haben sie abgerichtet – wie einen Hund. Ich habe den betreffenden Vater gefragt, weshalb seine Kinder jetzt gehorchen. Nach einer Weile kam er darauf: Sie hatten schlicht und einfach Angst vor ihm. Ganz ehrlich: Ich halte es für eine ganz schlechte Idee, Kindern Angst zu machen und noch davor vor den eigenen Eltern.

Kinder, die gelernt haben Angst zu haben, werden häufig entweder ängstlich oder wütend. Ängstliche Menschen werden Drückeberger, die zu allem Ja und Amen sagen. Wütende Menschen werden Aggressoren, die zu allem Nein sagen. Ich möchte aber, dass meine Kinder frei sind. Frei Ja zu sagen und Nein zu sagen, wenn sie das möchten. Denn wir brauchen beides: Die Fähigkeit Nein und Ja zu sagen. Nein zu sagen ist die Fähigkeit sich abzugrenzen. Ja zu sagen ist die Fähigkeit sich mit anderen zu verbinden. Damit Kinder das lernen brauchen sie das Vertrauen, dass sie so, wie sind, angenommen sind.

Übrigens 1: Das Gesetz

Es gibt da auch ein Gesetz, das besagt, was wir unseren Kindern antun dürfen – und was nicht! Im Bürgerliches Gesetzbuch steht unter § 1631 (2): „Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.“ Ich bin sicher: Strafe ist entwürdigend.

Übrigens 2: Die Wut der Eltern

Häufig verhängen wir Strafen rein aus Wut. Hinter unserer Wut steht meist unsere eigene Ohnmacht. Das erlebe auch ich so, wenn ich mit unseren Kindern zusammen bin. Nur hat es nichts mit dem Kind zu tun. Unsere eigenen Kinder bringen uns lediglich viel schneller als irgendjemand anders an unsere Grenzen.

Aber: Es sind und bleiben unsere Grenzen – nicht die Grenzen des Kindes. Wer sich darauf einlassen will, hat hier eine große Chance selbst zu lernen und zu wachsen. Gerade im Konflikt mit dem eigenen Kind: Was treibt mich zur Weißglut? Was ist das in mir, das mich wütend macht? Was fehlt mir in diesem Moment?

Ein Erwachsener schimpf mit einem Kind. Text: Strafen machen ängstlich oder wütend.

2.     „Mir hat das auch nicht geschadet“ – Argumente für Strafen?

Das Argument „Mir hat das auch nicht geschadet“ ist aus meiner Sicht genauso sinnvoll wie „Das haben wir immer schon so gemacht“. Vor einem halben Jahrhundert war die Prügelstrafe in Deutschland selbst in Schulen noch verbreitet. Zum Glück haben wir das hinter uns gelassen. Aber: Es hat bis zum Jahr 2000 gedauert, bis körperliche Strafen in der Erziehung in Deutschland gesetzlich verboten wurden – Schweden ging da schon 1979 mit gutem Beispiel voran.

Wieso Konsequenzen keine Alternativen sind

Als Alternative zu Strafen sind in den letzten Jahren die „logischen“ oder „natürlichen Konsequenzen“ in Mode gekommen. Ich glaube: in der Regel sind das nur sprachliche Umschreibungen für Strafen.

Eine natürliche Konsequenz ist in meinen Augen etwa folgende Situation: Ein Kind spielt mit seinem Lieblingsglas und wirft es hoch. Das Glas fällt herunter und zerspringt in tausend Scherben. Das ist eine natürlich Konsequenz. Meist meinen wir aber etwas anderes, wenn wir in der Erziehung von natürlicher Konsequenz sprechen.

Wenn das Kind also beim Abendbrot sein Glas hochwirft, dann verbannen es die Eltern vom Tisch. Das ist aber in meinen Augen keine natürliche Konsequenz, sondern schlicht und einfach eine Strafe.

Es gibt mit Sicherheit die Möglichkeit sich Konsequenzen zu überlegen, die als natürliche Folge des Verhaltens erscheinen. Ganz ehrlich: Mir ist das schlicht zu anstrengend. Wenn mir etwas nicht passt, dann sag ich das. Wenn mein Kind etwas tut, mit dem ich nicht einverstanden bin, dann sag ich das. Wenn mein Kind etwas tut, was das Kind oder jemand anders gefährdet, dann schreite ich sofort ein. Okay, auch wenn das Kind mit dem Hammer auf den Fernseher losgeht 😉

Falls Sie sich die Mühe machen logische Konsequenzen einzuführen, rate ich Ihnen achten Sie darauf: Sie dürfen sich nicht wie Strafen anfühlen. Wenn das Kind spürt, dass die Eltern ein scheinheiliges Spiel treiben, dann geht das Ganze nach hinten los. Sie wissen schon, Sprüche wie: „Das hast du dir selbst zuzuschreiben.“

3.     Kinder und Grenzen

Die Frage nach Strafe tritt ja vor allem in Konflikten auf: Wenn das Kind etwas tut, was ich nicht möchte. Wenn es etwas zerstört. Wenn es Grenzen, meine Grenzen, überschreitet. Dabei ist es hilfreich, sich zwei Dinge zu verstehen und sich liebevoll in Erinnerung zurufen:

3.1.  Grenzen fordern heraus

Grenzen haben auf Kinder erst mal keine abschreckende Wirkung. Viele Erwachsene mögen vielleicht denken: Das ist verboten, dann tut man das auch nicht. Tatsächlich würde ich sagen, dass sich kein Mensch wirklich an alle Regeln hält. Vielmehr brechen und biegen wir Großen auch manche Regel oder sogar Gesetze. Auf Kinder haben Grenzen eine geradezu magische Anziehungskraft. Sie fragen sich: Hält die Grenze?

Ein Kleinkind lässt immer wieder etwas zu Boden fallen. Einen Baustein, den Teddy, das Kissen, die Fernbedienung und so weiter. Es testet schlicht und einfach die Gravitation. Und so wie Kinder physische Regeln und Gesetze testen, so testen Kinder auch soziale Regeln. Also: Bleibt Mama auch bei ihrem Nein zu Schokoriegel an der Kasse, wenn ich lauter werde?

3.2.  Kinder können vieles nicht abschätzen

Das kindliche Gehirn ist in der Entwicklung und im Aufbau, später im Jugendalter wird es dann sogar umfassend umgebaut. Das heißt Kindern fehlt in vielen Situationen schlicht die Einsichtsfähigkeit. Das logische Denken ist noch nicht auf dem Niveau eines Erwachsenen. Der Teil des Gehirns, der für die Impulskontrolle und das planerische Handeln zuständig ist, bildet sich oft erst jenseits des 20. Lebensjahrs aus!

4.     Wie setze ich mich durch? 3 Schritte zu einer respektvollen Lösung

Okay, das Kind überschreitet meine Grenzen, meine Regeln. Wie gehe ich nun vor, wenn ich nicht strafen will?

Der erste Schritt ist mich selbst zu sehen. Mit mich sehen meine ich, dass ich meine eigenen Gefühle sehe – und anerkenne, dass es meine Gefühle sind. So in der Art: „Ich bin echt wütend, dass mein Sohn meinen Lieblingscomic bekritzelt hat.“

Im zweiten Schritt schaue ich auf das Kind und versuche zu verstehen, wie es ihm geht: „Oh, es ist überrascht, dass ich so wütend bin.“ Dann überlege ich, welches Bedürfnis das Kind verfolgt hat. Da es meine Sammlerausgabe des Comics mit Buntstift bemalt hat, vermute ich mal, dass es sich künstlerisch ausdrücken wollte.

Und schließlich überlege ich im dritten Schritt, was das Kind jetzt braucht. Beim Anblick meines neu kolorierten Comics hatte ich kurz die Fassung verloren und laut geschimpft – so in der Art: „Was zum Teufel …?“ Wenn ich mir jetzt den Zweijährigen betrachte, dem Tränen über das Gesicht laufe, komme ich zum Schluss, dass der Kleine schnell getröstet werden muss.

4.1.  Weitere Möglichkeiten, wie wir als Eltern intervenieren können:

Zum einen können wir das Verhalten unterbrechen. Oft reicht es, das Kind auf etwas anderes aufmerksam zu machen, um es von seiner Wut abzulenken. Das ist vor allem bei kleinen Kindern sehr hilfreich, die noch nicht so gut wieder aus einem Gefühl aussteigen können. Zum anderen können wir die Situation einfach aushalten. Das ist angebracht, wenn das Kind sich nicht ablenken lässt.

Für Kinder – und Menschen allgemein – kann es hilfreich sein, einfach mal ein Gefühl auszuagieren. Manchmal müssen wir einfach weinen – auch wenn es eine halbe Stunde dauert. Manchmal ist der Schmerz einfach so groß. Gut, wenn dann jemand da ist, der mich lieb hat und dem ich bedingungslos trauen kann – meinen Eltern.

5.     Fazit: Nein sagen!

Damit nicht der Eindruck entsteht, bei uns in der Familie herrsche Friede und Harmonie, noch ein paar Worte zum Nein sagen. Wir sagen auch mal sehr deutlich Nein. Wir werden manchmal auch laut. Auch mal zu laut. Dann entschuldigen wir uns. Suchen nach einer Lösung, einem Kompromiss. Wir sind nämlich nur Menschen und nicht perfekt. Wir sind gemeinsam auf den Weg – gemeinsam mit unseren Kindern. Und das empfinden wir als großes Geschenk.

PS: Hier habe ich auch schon mal ausführlich übers Nein-Sagen und Grenzen-Setzen geschrieben.